Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Die Welt der Guermantes - die Folgen 17 bis 21

Mit der Lesung von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" hat rbbKultur in diesem Jahr ein echtes Mammutprojekt gestartet. In insgesamt 329 Folgen begeben wir uns gemeinsam mit unseren Hörer*innen auf die Suche nach der verlorenen Zeit. In ihrer wöchentlichen Kolumne zum Buch gesteht unsere Autorin Doris Anselm diesmal: Sie fühlt sich beim Lesen von Seite zu Seite … ungehobelter.

Mit dem Zylinder in der Hand

Ich bin ja ein Kind der Demokratie. Sogar die deutsche Wiedervereinigung war erledigt, bevor ich auch nur in die Pubertät kam. Und ich erinnere mich noch gut, wie verzaubert die Pausenhalle meiner Grundschule aussah an den seltenen Sonntagen, wenn meine Eltern mich mitnahmen, um dort in einer Kabine aus Pappe feierlich ein Kreuzchen auf einem Wahlzettel zu machen. Aber je länger ich Proust lese, desto mehr beschleicht mich das Gefühl, dass ich rein von der gesellschaftlichen Finesse her ein absolut ungehobelter Klotz bin – wie fast alle demokratisch geprägten Leute.

Ich würde vermutlich keine fünf Minuten im Salon von Madame de Villeparisis überleben, der mondänen Urlaubsbekanntschaft unseres Erzählers. Schon gar nicht wäre ich in der Lage, einzuschätzen, ob es für meine gesellschaftliche Stellung überhaupt ratsam wäre, mich um eine Einladung in diesen Salon zu bemühen – oder ob ich ihm lieber fernbleiben sollte, weil ein Besuch dort für mich doch eher ein sozialer Rückschritt wäre.

Nein, mir scheinen alle diese Proustschen Salons wie völlig austauschbare Parties von Superreichen – und vermutlich hätten das 90 Prozent der französischen Bevölkerung damals ähnlich gesehen. Dennoch wächst meine Faszination für die Feinheiten, Gemeinheiten und Widrigkeiten dieser noch halb höfischen Welt auch nach inzwischen eintausendfünfhundert Seiten Proust weiter an. Was ich da alles schon gelernt habe! Aus wie vielen komplexen Gründen man eine Einladung ausschlagen kann (sogar aus purer Hochachtung für die Person, die einen eingeladen hat!). Dass eine Dame von hohem Stand sich für Geschenke, die sie macht, entschuldigt. Wie man beim Botschafter weiterkommt, indem man, auch wenn er gar nicht dabei ist, seiner Geliebten soziale Achtung entgegenbringt, wobei man drauf vertrauen kann, dass ihm das zugetragen wird.

Wow. Und immer wieder schäme ich mich auch dafür, wie egal mir manches ist. Ob nun der Rittmeister vom Regiment soundso Napoleon dem ersten, zweiten oder dritten ähnlich sieht, macht ihn in meinen Augen kein Mü mehr oder weniger imposant. Sollte es aber, suggeriert mir Marcel Proust.

Ermutigend und witzig ist da immerhin, dass auch manche Romanfiguren ins Schwimmen geraten, wenn von Sitten und Gebräuchen die Rede ist, die ein paar Jahrzehnte älter sind als sie. Das zeigt sich sehr schön an dem Salongespräch über einen bereits verstorbenen Herrn, der in seinem eigenen Zuhause mit dem Zylinder in der Hand zum Abendessen ging. Daraus schließt Bloch, der etwas plumpe Freund des Erzählers gleich, das sei wohl damals allgemeiner Brauch gewesen.

"Aber nicht doch, antwortete Madame de Villeparisis […]. Ich habe niemals meinen Vater zu Hause mit seinem Hut gesehen, außer natürlich, wenn der König kam, denn da der König überall in seinem Hause weilt, ist ein Herr dann nur mehr Gast in seinem eigenen Salon.“

Wieder was gelernt: Benimmtipps für ein Leben in der absoluten Monarchie. Wer weiß, wann man sowas mal wieder gebrauchen kann.

Doris Anselm, rbbKultur

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Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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