Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Die Welt der Guermantes – die Folgen 27 bis 31

In unserer wöchentlichen Kolumne "Lust und Frust mit Proust" widmet sich die Berliner Autorin Doris Anselm in dieser Woche dem spannenden Thema "Beziehungen als Tauschgeschäfte".

Was kostet echte Liebe?

Es geht nicht jedes Mal um Cash, es ist auch nicht immer direkt Prostitution. Manchmal geht es nicht mal um Sex – und doch denkt Proust das Verhältnis zwischen Männern und Frauen fast immer als ein Finanzielles. Oder vielleicht liegt das gar nicht an Proust – sondern schlicht an der Zeit, in der er lebt. Und in der Frauen, gerade wenn sie in höheren Kreisen verkehren, offiziell keine Verdienstmöglichkeiten haben außer Erbe und Heirat. So werden schließlich alle käuflich – diskret und in gefühlsmäßigen Grauzonen.

Das führt Proust an einer Art Modellrechnung vor, bei der ein Herr über eine Dame so spricht:

"Aber nein, mein Lieber, eine Kokotte ist das nicht; ich will nicht sagen, dass sie nicht in ihrem Leben die eine oder andere Affäre gehabt hat, aber sie ist keine Frau, die man für Geld haben kann, oder mindestens wäre es dann sehr teuer, fünfzigtausend Francs oder nichts."

Marcel Proust fügt hinzu:

"Er selbst aber hat fünfzigtausend Francs für sie ausgegeben und sie einmal gehabt; da sie jedoch bei ihm einen Helfershelfer gefunden hat in Gestalt seiner Eigenliebe, hat sie ihm zu suggerieren vermocht, er sei einer von denen, die sie umsonst gehabt hätten."

Vielleicht war der Autor also nur derjenige, der den Schleier heruntergerissen hat, mit dem man solche im Kern handfesten Geschäfte vor der Welt (und sich selbst) weichzeichnete.

Übrigens: Die erwähnten fünfzigtausend Francs entsprechen, in heutige Kaufkraft umgerechnet, immer noch etwa fünfzehntausend Euro! Da kommt man schon mal ins Grübeln, wenn nicht gar in Versuchung. Robert de Saint-Loup, der schwerreiche Freund des Erzählers, gibt seiner Geliebten immer nur Kleinbeträge von Tag zu Tag, weil er im Grunde ganz genau weiß, dass sie ihn dann nicht so leicht verlassen kann.

Interessanterweise leidet er aber trotzdem regelmäßig fast lustvoll tiefen Liebeskummer ihretwegen – ein Phänomen, das im Roman wieder und wieder vorkommt. Es scheint fast so, als würden die Männer solches Drama unausgesprochen mitbestellen. Vielleicht wieder als Schleier und Echtheitsbeweis für die Beziehungen, vielleicht aber auch einfach als Salz in der romantischen Suppe.

Seltsam passend zu alldem: In unserem aktuellen Roman-Abschnitt rückt Proust sogar die internationale Diplomatie ganz offen in die Nähe der Prostitution. Und ein Mann, der von einem anderen ein Pöstchen haben will, versucht hier ebenfalls, "den richtigen Schlüssel" dafür zu finden: Ist es vielleicht ein bestimmter Orden oder die lobende Erwähnung in einem Artikel?

Es gibt eine Gemeinsamkeit dieser ganzen diplomatischen, karrieristischen, romantischen und sexuellen Tauschgeschäfte. Im edlen gesellschaftlichen Kosmos von Marcel Proust finden sie immer stilvoll statt; alle Beteiligten achten auf Diskretion und Subtilität. Macht es das besser oder schlimmer? Wer weiß. Beim Lesen ist es auf jeden Fall höchst unterhaltsam.

Doris Anselm, rbbKultur

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