Hochwasser in Ahrweiler in Rheinland-Pfalz. (Bild: ARD)
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Klimawandel und die Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands - "Bilder allein bewegen niemanden zum Klimaschutz"

Dutzende Todesopfer, verwüstete Ortschaften: Nach tagelangen Regenfällen sind in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen Bäche zu reißenden Flüssen geworden. Die Bilder der Hochwasserkatastrophe dort erschrecken, der Klimawandel scheint sichtbar zu werden. Aber wie nachhaltig sind diese Bilder? Führen sie auch zu Taten? Ein Gespräch mit dem Kommunikationswissenschaftler Michael Brüggemann, Professor für Klima-Kommunikation an der Universität Hamburg.

rbbKultur: Herr Brüggemann, wir sehen in den Medien, auf Bildern und in Filmen die Macht einer entfesselten Natur. Kommunizieren diese Bilder von den überschwemmten Orten die Dringlichkeit zu handeln jetzt besser, als das Zahlen und Statistiken können?

Brüggemann: Die Bilder wecken starke Emotionen und als solche lassen sie uns nicht kalt. Nachrichten von Wahrscheinlichkeiten, was vielleicht in 100 oder 50 Jahren passiert oder was wir vielleicht bis 2030 oder 2050 machen wollen, gehen halt rechts rein und links raus. Das kann bei den Bildern schon anders sein. Man ist emotional mehr drin, merkt sich diese schon eher und sie können schon zu Medienereignissen werden, die einen auch prägen und an die man sich dann auch jahrelang erinnert.

rbbKultur: Vielleicht ist die Wirkung der Bilder, die wir jetzt zum Beispiel aus Nordrhein-Westfalen sehen, stärker, wenn wir wissen: das passiert jetzt gerade bei uns – sozusagen vor der Haustür! Kalifornien, Hitze und Waldbrände – das ist weit weg. Spielt das auch eine Rolle?

Brüggemann: Das eine Problem ist, dass der Klimawandel kein zentrales Ereignis, sondern ein ganz, ganz langsamer Prozess ist – und so langsame Prozesse sind nicht gut für die menschliche Wahrnehmung. Und das sind jetzt Ereignisse, die wir wahrnehmen.

Das andere Problem mit dem Klimawandel ist, dass er als weit weg empfunden wird. Einerseits im Sinne von: Wir sind nicht betroffen, sondern die Eisbären. Andererseits im Sinne von, dass wir mit ihm nicht viel zu tun haben und ja nur einen ganz, ganz kleinen Teil dazu beitragen – deshalb brauchen wir auch nichts an unserem Verhalten zu ändern.

Dass man auch in Deutschland betroffen ist und sich anpassen muss an den Klimawandel bzw. Risiken vorbeugen und auch investieren muss, das ist den Menschen unmittelbar klar.

Dass wir auch mitverantwortlich sind für den Klimawandel, steckt noch nicht so drin in den Bildern. Da muss man tatsächlich erstmal den Kopf einschalten, drüber reden und nachdenken. Die Bilder sagen mir nicht sofort, was ich denn jetzt zu tun habe bzw. ob ich überhaupt etwas tun kann. Deswegen werden die Bilder allein uns und niemanden zum Klimaschutz bewegen.

rbbKultur: Was ist denn jetzt genau nötig, damit die Botschaft dieser Bilder zu einer Handlungsaufforderung wird?

Brüggemann: Es braucht alle gesellschaftlichen Kräfte, die daran Interesse haben, daran zu erinnern, dass wir in zweierlei Weise mit dem Klimawandel zu tun haben. Dass wir betroffen sind, dass wir uns anpassen, dass wir zukünftigen Risiken vorbeugen und darin investieren müssen. Dass wir auch unseren Lebensstil, unsere Wirtschaftsweise verändern müssen, um unsere Emissionen zu reduzieren.

rbbKultur: Bedeutet das, dass Politiker*innen für Klimaschutz aufstehen und diesen in den Medien ganz klar formulieren müssen?

Brüggemann: Genau - und dann auch durch konkrete Handlungen. Es kann nicht sein, dass wir vor zwei Wochen noch darüber gestritten haben, ob es vielleicht unerträglich ist, zwei Cent mehr für den Benzinpreis zu zahlen oder ob es eine unzumutbare Belastung für jemanden ist, wenn er nicht jedes Jahr nach Mallorca fliegen kann. Da muss man den Ball wieder auffangen. Es geht auch um existenzielle Fragen für die Menschheit und für das Öko- und Klimasystem. Das bringt jetzt vielleicht etwas mehr Perspektive in die Debatte.

rbbKultur: Glauben Sie, dass das jetzt auch passieren wird? Dass diese Stunde jetzt auch genutzt wird, um das Thema als Handlungsanweisung groß zu machen?

Brüggemann: Das werden wir sehen. Da wage ich keine Voraussage. Aber es ist schon so, dass wir in unseren Bevölkerungsbefragungen gesehen haben, dass die vergangenen Dürresommer schon nachhaltig einen Einfluss hatten – in Kombination mit Fridays for Future.

Man braucht immer beides. Man braucht diesen Anstoß, dass man sieht, dass der Klimawandel konkret ist, dann aber auch Proteste auf den Straßen, die wir bei Fridays for Future hatten und die dazu geführt haben, dass sich in der Politik schon etwas bewegt hat.

Aber wir können uns leider überhaupt nicht darauf verlassen, dass die Regierenden jetzt von selber plötzlich alles anders machen als sie es vorher gemacht haben.

Das Gespräch führte Anja Herzog, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung. Das Gespräch können Sie auch als Audio nachhören.

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