Michael Cramer an der Eastside Gallery; © Michaela Gericke
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Bild: Michaela Gericke

Unterwegs mit Michael Cramer - Der Mauer-Radweg - Teil 1: Vom Potsdamer Platz bis zur Oberbaumbrücke

Seit 20 Jahren rollen hier die Fahrräder: Michael Cramer, ehemaliger verkehrspolitischer Sprecher der Grünen in Berlin, hat gleich nach dem Mauerfall gefordert und schließlich mitgeholfen, den Mauer-Radweg zu realisieren. Michaela Gericke begleitet ihn auf seiner Fahrt entlang des Radwegs. Die erste Tour führt die beiden vom Potsdamer Platz bis zur Oberbaumbrücke.

Am 13. August 1961 begann der Mauerbau, also die nahezu unüberwindbare Teilung Berlins. 40 km lang war der Grenzstreifen in Berlin, 120 km zwischen Berlin und Brandenburg. Seit 20 Jahren ist der ehemalige Grenzstreifen nun ein größtenteils fahrradfreundlicher Weg, auf dem inzwischen schon tausende Räder rollten.

Michael Cramer, ehemaliger verkehrspolitischer Sprecher der Grünen, erst in Berlin, dann im Europäischen Parlament, hat gleich nach dem Mauerfall gefordert und schließlich mitgeholfen, diesen Radweg zu realisieren. Mit seinem – inzwischen mehrfach kopierten – Angebot macht er Geschichte, Kultur und Natur erfahrbar.

Michaela Gericke hat Michael Cramer auf dem Mauer-Radweg begleitet.

Sommer '89

Michael Cramer: "Im Sommer 1989, keine Ahnung, dass die Mauer fällt, bin ich noch auf der westlichen Seite, auf dem Zollweg, den die Alliierten angelegt haben, die Mauer abgeradelt. Man konnte sich nicht verfahren, immer an der Wand lang. Dann habe ich das im Frühjahr 1990 zwischen Vorder- und Hinterlandmauer, auf dem Kolonnenweg der Grenztruppen, auch nochmal gemacht - mit einem ganz komischen Gefühl. Aber in Berlin gab es ja keine Minen, weil es zu gefährlich war."

Der Kolonnenweg auf der DDR-Seite und der Zollweg im Westsektor – beide Pfade werden wir auf unseren Touren noch unter unseren Rädern spüren.

Michael Cramer: "Die Westalliierten hatten zu Mauerzeiten entlang der Mauer den sogenannten Zollweg gebaut, wo die Alliiertenfahrzeuge die Mauer kontrollierten, die Westberliner Polizei oder auch die Menschen."

Am Potsdamer Platz beginnt der Mauerstreifzug

Ich treffe Michael Cramer zum ersten unserer Mauerstreifzüge am Potsdamer Platz. Das Areal mit S- und U- Bahnhöfen und dem Tower der Deutschen Bahn ist mit dem ehemaligen Potsdamer Bahnhof auch historisch bedeutend. Von hier fuhr die erste Preußische Eisenbahn 1838, die Stammbahn, über Steglitz, Zehlendorf und Kleinmachnow nach Potsdam. Seit der Maueröffnung soll sie eigentlich wieder an den Start gehen, aber ob und wann die Trasse stadtauswärts wieder dafür hergerichtet wird, steht – wie so manches in Berlin – in den Sternen.

Wir treten in die Pedale, Richtung Stresemannstraße, biegen links ab und blicken bald auf die Rückseite des Abgeordnetenhauses und des Bundesrats.

Michael Cramer stoppt vor einem ehemaligen eckigen Wachturm:

"In Berlin gab es über 300 Wachtürme und fünf sind erhalten, zwei in Brandenburg und drei in Berlin. Das ist der Wachturm der ältesten Generation. Als hier gebaut wurde, sollte der Wachturm abgerissen werden. Wir haben uns dafür eingesetzt - und dann haben sie ihn um zehn Meter verschoben - aber er ist im Original wieder dort hingesetzt worden."

Ein Stück Mauer am Gropius Bau

Zurück zur Stresemannstraße, am Martin-Gropius-Bau vorbei, wo ein langes Stück Mauer dank der vehementen Forderung von nur wenigen Politiker*innen noch erhalten ist. Willy Brandt gehörte schon am 10. November 1989 dazu:

"Ein Stück von jenem scheußlichen Bauwerk – ein Stück könnte man dann von mir aus sogar als ein geschichtliches Monstrum stehen lassen, so wie wir seinerzeit nach heftiger Diskussion in unserer Stadt uns bewusst dafür entschieden haben, die Ruine der Gedächtniskirche stehen zu lassen."

Am Kopfsteinpflasterstreifen entlang zum Checkpoint Charlie

An die Teilung erinnert inzwischen zudem ein doppelter Kopfsteinpflasterstreifen auf dem Asphalt – und zwar durch ganz Berlin. Und eine – in Abständen – eingelassene Kupferplatte mit dem Schriftzug: Berliner Mauer 1961 – 1989.

Den doppelten Kopfsteinpflasterstreifen entlang führt Michael Cramer am Checkpoint Charlie vorbei, einem der Kontrollpunkte, übrigens nur für Diplomaten und Ausländer. Gleich nach der Öffnung wollte der Cellist Mstislaw Rostropowitsch hier ein Zeichen setzen. Spontan kam er nach Berlin und spielte umgeben von Menschen direkt an der Mauer.

Am Engelbecken, wo sich einst der Luisenstädtische Kanal befand

Wir radeln aus der Berliner Mitte nach Kreuzberg an der Grenze zu Friedrichshain und halten auf der Brücke über dem Engelbecken - heute ein breiter, begrünter und mit Rosen bewachsener Graben, am Ende ein großer mit Schilf umwachsener Teich.

Michael Cramer: "Hier war der Luisenstädtische Kanal, der wurde gebaut, um die Transporte zu organisieren. Aber er wurde dann zugeschüttet. Hier war nachher die Grenze, aber das sind noch die alten Mauern von dem früheren Kanal. Nach dem Fall der Mauer ist es hier ausgehöhlt worden, ein wunderbarer Park wurde angelegt. Es gibt ein schönes Café. "

An der East Side Gallery vorbei zur Oberbaumbrücke

Wir kehren hier noch nicht ein, sondern fahren über die Spree wieder Richtung Osten, an der East Side Gallery vorbei zur Oberbaumbrücke, die – nach aufwändiger Restaurierung – inzwischen Friedrichshain und Kreuzberg verbindet.

Michael Cramer: "Die Grenze war ja die Spree, aber das westliche Spreeufer war die Grenze. Da sind Kinder mal reingefallen, die konnten von Westleuten nicht rausgeholt werden, auch nicht von Soldaten - die sind dann ertrunken. Oder auch Leute, die es geschafft haben, zu schwimmen sind dann erschossen worden. Das war schon dramatisch."

Stelen so hoch wie die Mauer zur Erinnerung an ihre vielen Opfer

An die mindestens 140 getöteten Menschen erinnern auf der gesamten Tour orangefarbenen Stelen, genau wie die Schilder mit dem Hinweis Mauerweg sind sie 3,60 Meter hoch:

Michael Cramer: "Weil die Mauer 3,60 hoch war. Das Ziel war, dass man nicht wollte, dass die Oper anonym waren, sondern ein Gesicht bekommen. Deshalb ist immer ein Foto von den erschossenen Flüchtlingen dabei und auch die Situation, wie sie damals war - die kann man sich ja kaum vorstellen, wenn man hier nicht gelebt hat."

Die Porträts und die Luftbilder des einstigen Grenzverlauf lassen auf beklemmende Weise ahnen, was die Teilung bedeutet hat - besonders an den von der Natur zurückeroberten Orten, wo die Schrecken von damals und die heutige Idylle nah beieinander liegen.

Michaela Gericke, rbbKultur

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Download (mp3, 5 MB)
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