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Der feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Dirigat mit double bind

Jetzt hat es sogar den Grünen Hügel erwischt: Nach 145 Jahren wird am Sonntag mit Oksana Lyniv erstmals eine Frau in Bayreuth im Orchestergraben stehen und die Festspiele mit Richard Wagners "Fliegendem Holländer" eröffnen. Die Dirigentinnen kommen. Und die naheliegende Frage zu dieser Premiere lautet natürlich: Warum erst jetzt? Heide Oestreich hat eine These dazu.

"Double Bind" nennt man die Situation, in der Dein Umfeld permanent sich widersprechende Erwartungen an Dich formuliert. Das ist ein prima Mittel, jemanden fundamental zu verunsichern, sogar krank zu machen.

In permanenten double bind-Situationen fanden sich etwa die Frauen im Bürgertum seit dem 18. Jahrhundert wieder: Das Ideal, wie ein Mensch sein soll, lautete "frei und selbstbestimmt". Zugleich wurden Frauen aber in ein Netz von Konventionen eingehegt, die ihnen genau das unmöglich machten. Drücke Dich aus, zeige Deine Besonderheit! - so der Imperativ der Zeit. Und dann die kränkende und krank machende Einschränkung für Frauen: Drücke Dich auf keinen Fall aus, wie Du willst. Das ist peinlich.

Wir kennen die Künstlerinnen-Biografien: Fanny Hensel, Clara Schumann, Rahel Varnhagen, Paula Modersohn bis hin zu den Bauhaus-Frauen oder später Sylvia Plath - die Thematik ist schon viel besungen worden: Frauen, die am Ausbau ihrer Talente gehindert wurden, die permanent verunsichert wurden. Und als perfide Garnitur obendrauf konnte das bürgerliche Patriarchat dann die selbst fabrizierte Statistik setzen: Seht her, die Frauen, sie bringen es nicht. Das muss an den Genen liegen.

Dieses Erbe verfolgt uns bis heute – und treibt immer noch reihenweise Frauen in die Therapien. Das ist übrigens auch der Grund, warum viele Feministinnen oft etwas grantig wirken: Wenn man sich diese Zusammenhänge mal bewusst gemacht hat, dann ist die Laune nicht mehr allzu gut.

Wie auch immer, ein Modell, das die eine Hälfte der Menschheit systematisch verunsichert, hat natürlich keine Zukunft. Ich erwähne es nur, weil sich bis heute Menschen wundern, wo denn die großen Künstlerinnen und eben auch die großen Dirigentinnen seien. Schließlich sei doch die Zeit, zu der es Frauen verboten war, zu studieren, sich auszudrücken oder Dirigentinnen zu werden, schon lange vorbei.

Das aber ist ein Irrtum. Die Fessel des double bind gibt es bis heute. Ich will gar nicht erst damit anfangen, was wir Müttern im Allgemeinen zumuten: Ganz die eigenen Ambitionen verfolgen und ganz für die anderen da sein. Double bind at it’s best.

Diese Fessel zeigt sich aber auch darin, dass just jene Oksana Lyniv, die morgen in Bayreuth am Pult stehen wird, erst mit 18 Jahren überhaupt verstanden hat, dass Frauen auch Dirigentin werden können. Wie eine Offenbarung sei das für sie gewesen, erzählt sie heute. Reaktion ihres Vaters auf ihren Berufswunsch übrigens: "Kind, was hast Du Dir bloß dabei gedacht!"

Sie nennt es: 1 Prozent Unterstützung - statt 100 Prozent. Und mit dieser Ent- statt Ermutigung sind wir noch fast alle aufgewachsen – solche Muster werden einfach weitergegeben und ändern sich dementsprechend langsam.

Mit anderen Worten: Wer sich fragt, warum die Oksana Lynivs dieser Welt erst jetzt sichtbar werden, sollte mal double bind googeln. Da findet sich die Antwort.

Heide Oestreich, rbbKultur

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Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.

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