Denkmal fuer Chris Gueffroy in Berlin © imago-images/Emmanuele Contini
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Unterwegs mit Michael Cramer - Der Mauer-Radweg - Teil 3: Von der Sonnenallee in Neukölln bis nach Berlin-Lichterfelde

Michaela Gericke und Michael Cramer befinden sich auf der dritten Etappe entlang des Mauer-Radwegs. Dieses Mal fahren sie mit ihren Rädern von der Sonnenallee in Berlin-Neukölln bis nach Berlin-Lichterfelde - das sind etwa 50 Kilometer.

Am 13. August 1961 begann der Mauerbau, also die nahezu unüberwindbare Teilung Berlins. 40 km lang war der Grenzstreifen in Berlin, 120 km zwischen Berlin und Brandenburg. Seit 20 Jahren ist der ehemalige Grenzstreifen nun ein größtenteils fahrradfreundlicher Weg, auf dem inzwischen schon tausende Räder rollten.

Michael Cramer, ehemaliger verkehrspolitischer Sprecher der Grünen, erst in Berlin, dann im Europäischen Parlament, hat gleich nach dem Mauerfall gefordert und schließlich mitgeholfen, diesen Radweg zu realisieren. Mit seinem – inzwischen mehrfach kopierten – Angebot macht er Geschichte, Kultur und Natur erfahrbar.

Michaela Gericke hat Michael Cramer auf dem Mauer-Radweg begleitet.

Blick auf den Mauerweg am Britzer Verbindungskanal © Jens Kalaene/dpa
Bild: Jens Kalaene/dpa

Am ehemaligen Grenzübergang Sonnenallee

Vom ehemaligen Grenzübergang Sonnenallee führt ein geschwungener Radweg zur Chris-Gueffroy-Allee in Berlin Britz.

Michael Cramer: "Chris Gueffroy war der letzte Flüchtling, der erschossen wurde. Mit seinem Freund hat er es versucht. Den ersten Zaun hatten sie überwunden, dann wollten sie rüberschwimmen. Dann wurden sie entdeckt. Der Freund wurde festgenommen."

Gueffroy traf eine der Kugeln mitten ins Herz, im Februar 1989, wenige Monate vor der Maueröffnung.

Die Chris-Gueffroy-Allee erinnert an den letzten erschossenen Flüchtling an der Mauer

Seit dem 13. August 2010 heißt die ehemalige Britzer Allee Chris-Gueffroy-Allee. Bei der Feier zur Umbenennung sagte die Mutter, Karin Gueffroy:

"Am 13. August bin ich immer sehr aufgewühlt. Ich bin emotional richtig berührt, ich kann nicht viel sagen. Ich finde es gut, dass es so jetzt ist mit dieser Allee, das hätte ich nie zu hoffen gewagt und trotzdem ist es so irre, dass eine Straße nach meinem Kind benannt wird."

Sie reicht von der Neuköllnischen Allee bis zur Späthstraße, nahe den gut 300 Jahre alten Späth‘schen Baumschulen in Treptow.

Schon auf halber Strecke, gleich hinter der ebenfalls nach Chris Gueffroy benannnten Brücke, biegen wir ab zum Ufer des Kanals, wo der 20 Jahre alte Mann erschossen wurde. An dieser Stelle ragt seit 1993 eine rostrote hohe Gedenkstele hinter der Böschung hervor. Michael Cramer hatte sie im Berliner Abgeordnetenhaus beantragt.

Weiter auf dem Kolonnenweg nach Johannisthal

Wir bleiben auf dem Kolonnenweg, also dem Mauerweg auf dem damaligen Gebiet der DDR, er ist hier hervorragend asphaltiert, wenn auch direkt unterhalb der Autobahn A 113.

Michael Cramer: "Das ist in Berlin die einzige Autbahn, wo man beim Autobahnbau auch an den Radweg gedacht hat."

Der führt nach Johannisthal mit seinem einstigen Flugplatz. Seit der Schließung des Flughafens Mitte der 90er Jahre wurde das große Areal in einen artenreichen Landschaftspark umgestaltet, auf dem auch Schafe weiden.

Aufgeforsteter Mauerstreifen zwischen Lichtenrade und Mahlow - dank einer Bürgerinitiative

Wir radeln weiter Richtung Schönefeld auf der Brandenburger und Rudow auf der Berliner Seite. Es riecht nach Sommer und nach Gräsern, die Stadt wirkt weit weg, in der Ferne sind die Hochhäuser der Gropiusstadt zu erkennen. Bald darauf stoppt Michael Cramer vor dem stark befahrenen Kirchhainer Damm zwischen Lichtenrade und Mahlow:

Michael Cramer: "Die Straße wurde über den Grenzstreifen gebaut, weil da drüben war die Mülldeponie Schöneiche, wo die LKW aus Westberlin rüberfuhren, aber die Grenztruppen brauchten einen Übergang, die sollten nicht mit den Müllfahrzeugen konfrontiert werden, deshalb wurde da eine Unterführung gebaut."

Nach der Maueröffnung war geplant, sie zu entfernen.

Michael Cramer: "Dann gab es hier die Bürgerinitiative Teltower Platte, die den Mauerstreifen wieder aufgeforstet hat, den Herthateich, der verschwunden war, wieder aufgebaut und ein Naturdenkmal errichtet hat."

Auch die Unterführung half die Bürgerinitiative Teltower Platte für Radfahrende und Fußgänger zu bewahren.

Über Umwege nach Marienfelde

Wir fahren weiter auf dem ehemaligen Kolonnenweg, werden aber an der Bahnstrecke in der Nähe des S-Bahnhofs Mahlow ausgebremst.

Michael Cramer: "Das ist die einzige Lücke, die noch im Mauerweg ist. Aber da ist alles vorbereitet. Wenn die Dresdner Bahn gebaut wird, wird auch diese Lücke geschlossen - und dann ist der 160 km lange Mauerweg vollendet."

Doch wann das sein wird, weiß auch der Verkehrsexperte Michael Cramer nicht.

Wir müssen einen langen Umweg nehmen, um die Bahntrasse queren zu können und fahren weiter an der Stadtgrenze entlang. An der Strecke erinnert eine Installation an das einstige "Notaufnahmelager Marienfelde", das von 1953 bis 1990 für hunderttausende Geflüchtete und Übersiedler aus der DDR erste und zentrale Anlaufstelle war, später auch für Menschen aus Osteuropa.

Der "Fluchtkoffer", eine Bronze-Plastik von Marco Flierl, symbolisiert, wie wenig die Menschen von ihrem Zuhause mitnehmen konnten, um in die ersehnte Freiheit zu fliehen.

Kirschblüten zwischen Teltow und Lichterfelde-Süd am Ende der Tour

Entlang flirrender Birken führt der Mauer-Radweg weiter. Unsere Tour endet heute an der Kirschblütenallee zwischen Teltow und Lichterfelde-Süd. Wie an der Bornholmer Straße zwischen Prenzlauer Berg und Wedding, wurden die Bäume von einer japanischen Bürgerinitiative gestiftet.

Michael Cramer: "Die Kirschbaumblüte hat in der japanischen Mythologie eine besondere Bedeutung. Sie ist einmal das Symbol der ästhetischen Schönheit und gleichzeitig das Symbol des japanischen Rittertums. Wie Rittertum und Schönheit zusammenpassen, habe ich noch nie begriffen, aber so ist es eben. Und im Mai, wenn sie blühen, dann machen sie hier immer ein Kirschbaumblütenfest. Das ist schon toll an diesen Stellen, dass sich so ein weit entferntes Land wie Japan über die Wiedervereinigung freut."

Michaela Gericke, rbbKultur

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rbb-Moderator Knut Elstermann unterhält sich vorab mit den Autoren und Autorinnen über ihr Werk.