Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 31 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Die Welt der Guermantes – die Folgen 47 bis 51

Unsere Proust-Kolumnistin Doris Anselm stellt sich diese Woche nochmal der GANZ großen Frage: MUSS man Proust eigentlich gelesen haben? Und wie geht das am besten?

Einsteigen, bitte!

Bisher finde ich: Dieser Roman ist ein bisschen wie die Berliner Ringbahn. Das ist eine gute Nachricht. Vieles wiederholt sich und Sie als Fahrgast oder Lesende müssen nicht die komplette Runde machen. Sie können mal hier und mal da ein paar Stationen mitkommen, und erleben trotzdem die Essenz einer ganz speziellen Welt: der von Berlin oder eben der von Proust.

Unser aktueller Band "Die Welt der Guermantes" ist dem Bahnfahren sogar besonders ähnlich. Da ist man auch oft live dabei, wenn unbekannte Leute lang und breit über andere lästern, von denen man auch noch nie gehört hat. Ja, das ist einerseits langweilig, andererseits hat es aber auch einen ganz eigenen Reiz. Weil sich Leute beim Lästern ja automatisch selbst vorstellen, so schön eitel, boshaft und lebendig, wie sie das sonst nie täten.

Manchmal passiert in der Bahn wie bei Proust auch eine Weile gar nichts, und dann sieht man einen schönen Sonnenuntergang. Sie müssen nicht versuchen, sich all ihre mitfahrenden Figuren zu merken; manchen werden Sie wieder begegnen, anderen nicht. Es gibt unschöne, sogar eklige Zwischenfälle, rührende und lustige.

Mir geht es beim Ringbahnfahren und beim Proustlesen oft so wie jetzt im Roman der Prinzessin von Parma, wenn sie mit der aufregenden Madame de Guermantes spricht, die wieder mal radikal ihre Meinung ändert:

Die Prinzessin ergibt sich "mit einem leisen Erschauern […] dieser neuen Welle, auf die sie nicht gefaßt gewesen war, obwohl sie wußte, dass ihr die Unterhaltung […] immer solche einander ablösenden köstlichen Schocks aufbehielt, den atemraubenden Schreck, die gesunde Ermüdung, nach denen sie unwillkürlich an die Notwendigkeit dachte, ein Fußbad in einer Kabine zu nehmen“.

Gut, nach dem Ringbahnfahren sollte man lieber Händewaschen, aber was ich sagen will: Steht irgendwo geschrieben, Marcel Proust hätte von seinem Publikum VERLANGT, sein Werk brav durchzulesen von Anfang bis Ende?! Vielleicht wär er wie die Ringbahnplaner ganz glücklich, wenn man es eher als Lebensader benutzt, die immer da ist, sobald man sich eine Zeitlang hineinstürzen will. Jetzt kommen Sie mir nur bitte nicht mit Zugausfällen und Schienenersatzverkehr, so weit hab ich die Proust-Bahn-Metaphorik nicht entwickelt. Und natürlich ist die Ringbahn im Gegensatz zum Roman ein Artefakt der Nützlichkeit, und oft geht es dort ganz un-proustig unhöflich zu.

Der Autor mag das schon melancholisch vorhergesehen haben. Er schreibt in unserem aktuellen Abschnitt, dass der besondere Wert aristokratischer überschwänglicher Freundlichkeit für die, die sie empfangen, vor allem auf Fantasie beruht. Und dass derartige Freundlichkeit deshalb, Zitat "in einer auf Gleichheit begründeten Welt plötzlich in nichts zerfallen würde, wie alles, was nur Liebhaberwert hat.“

Aaach Quatsch. Diesen Roman hier gibt’s ja schließlich auch noch. Also nix mit "Zurückbleiben, bitte!" – bei Proust können Sie jederzeit einsteigen.

Doris Anselm, rbbKultur

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