Michael Cramer steht neben einem Mauerrest am Buschgraben zwischen Zehlendorf und Kleinmachnow © Michaela Gericke
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Bild: Michaela Gericke

Unterwegs mit Michael Cramer - Der Mauer-Radweg - Teil 4: Von der Kirschbaumallee bis zum Panzerdenkmal in Kleinmachnow

Auf der vierten Etappe ihrer Fahrt entlang des Mauer-Radwegs führt es Michaela Gericke und Michael Cramer von der Kirschbaumallee zwischen Teltow und Berlin-Lichterfelde bis zum Panzerdenkmal in Kleinmachnow.

Am 13. August 1961 begann der Mauerbau, also die nahezu unüberwindbare Teilung Berlins. 40 km lang war der Grenzstreifen in Berlin, 120 km zwischen Berlin und Brandenburg. Seit 20 Jahren ist der ehemalige Grenzstreifen nun ein größtenteils fahrradfreundlicher Weg, auf dem inzwischen schon tausende Räder rollten.

Michael Cramer, ehemaliger verkehrspolitischer Sprecher der Grünen, erst in Berlin, dann im Europäischen Parlament, hat gleich nach dem Mauerfall gefordert und schließlich mitgeholfen, diesen Radweg zu realisieren. Mit seinem – inzwischen mehrfach kopierten – Angebot macht er Geschichte, Kultur und Natur erfahrbar.

Michaela Gericke hat Michael Cramer auf dem Mauer-Radweg begleitet.

Auf dem BUGA-Weg

Hinter der Kirschbaumallee zwischen Teltow und Lichterfelde fahren wir geradeaus zum Teltowkanal, wo uns noch eine Amsel begrüßt und eine Gedenkstele an einen der 128 erschossenen Flüchtlinge erinnert. Der Kolonnenweg auf dem ehemaligen Gebiet der DDR – also auf der Brandenburgischen Seite – heißt seit 2001 BUGA-Weg, ist gut asphaltiert und entsprechend frequentiert.

Zwischen Kleinmachnow und Zehlendorf

Wir überqueren den Kanal und sind im ehemals Westberliner Bezirk Zehlendorf, wo es weiter am Wasser entlang geht, auf dem historischen Treidelpfad. Hier zogen einst Pferde, später Lokomotiven die Schiffe auf dem Kanal Richtung Grünau. Das Gras der Wiesen steht noch hoch und duftet, ein Paradies für Wildbienen.

Auf die Idylle folgt der Lärm der Stadt. Wir stoppen am Buschgraben vor einer stark befahrenen Straße. Hier steht symbolisch ein Segment der Mauer.

Michael Cramer: "Das ist hingestellt worden, das stand wohl nicht hier. Aber der Buschgraben war die Grenze zwischen Kleinmachnow und Zehlendorf, und da vorne sieht man das Schild: 'Hier waren Deutschland und Europa bis zum 31. März 1990 um 10:00 Uhr geteilt'"

An dieser wie an manch anderer Stelle der Stadtgrenze weist eine große Tafel über der Straße darauf hin, dass die Mauer nicht überall am 9. November 1989 geöffnet wurde. Michael Cramer hat als Abgeordneter im Europäischen Parlament mit dafür gesorgt, auch auf diese Weise das Ende des Eisernen Vorhangs im Gedächtnis zu behalten.

Fluchttunnel

Wir radeln weiter durch eine Bungalowsiedlung. In einem der Vorgärten erinnert ein Schild mit Foto und Lageplan an einen Fluchttunnel:

Michael Cramer: "Es gab ja viele Fluchttunnel, aber das ist ein ganz besonderer. Die Stasi wusste Bescheid und wollte alle Fluchthelfer töten. Sie hatten schon eine Bombe gelegt. Einer dieser Grenzsoldaten hat dann einfach das Band (das Kabel - Anm. d. R.) durchgeschnitten und deshalb sind sie nicht getötet worden. Die Fluchthelfer und die Flüchtlinge sind festgenommen worden, aber sie haben überlebt und nach vier Jahren Haft kaufte die Bundesrepublik sie frei."

Die "Stammbahn" soll wieder ans Netz - irgendwann

Am Ende der Neuruppiner Straße kommen wir zur ehemaligen Trasse der Stammbahn, die nach dem Mauerbau stillgelegt wurde. Heute biegen sich hier Birkenwipfel im Wind, es ist vor allem Hunde-Auslaufgebiet. Eigentlich soll die Stammbahn – vom Potsdamer Platz über Schöneberg, Steglitz, Zehlendorf und Kleinmachnow bis nach Potsdam und darüber hinaus – wieder ans Netz. Seit 30 Jahren ist das in der Diskussion. Verantwortung und Zuständigkeiten werden allerdings hin- und hergeschoben zwischen der Bahn und den Ländern Berlin und Brandenburg.

Kontrollpunkt Drewitz-Dreilinden

Wir haben die Räder, um weiterzukommen und halten nach ein paar Minuten auf einer Brücke an, schauen hinunter auf die Autobahn und den ehemaligen Kontrollpunkt Drewitz-Dreilinden, damals die größte Grenzübergangsstelle der DDR und auf der westlichen Seite Startpunkt für viele Trampende.

Auch Michael Cramer ist dieser Übergang noch im Gedächtnis.

"Ich war ja Lehrer in Neukölln, und wenn wir auf Klassenreise waren, meistens mit dem Bus, da fuhren wir durch die DDR, hatten dann die Grenze überwunden und kamen hier an. Vorne war immer eine Haltstelle und eine Telefonzelle, damals gab es ja noch kein Handy. Ein Schüler hat dann seine Eltern angerufen und sie haben sich gegenseitig informiert: 'In einer Dreiviertelstunde kommen wir in Neukölln an' - und dann wurden die Schüler*innen immer abgeholt."

Denkmal Schneefräse, Drewitz-Dreilinden © picture alliance / Bildagentur-online/ Schöning
Bild: picture alliance / Bildagentur-online/ Schöning

Am Ende ein mühevoller Abschnitt: der Kleinmachnower Mauerweg

Wir setzen unsere Strecke fort, den Kleinmachnower Mauerweg entlang, der sandig und verwurzelt, aber mit dicken Reifen zu bewältigen ist. Die Autobahn verläuft jetzt hinter einer hohen, schalldämmenden Wand. Wir halten vor einem großen, mehrmals transformierten – inzwischen rosa – Denkmal auf hohem Sockel.

Michael Cramer: "Das war früher hier das Panzerdenkmal. Da stand ein Panzer, mit dem Berlin erobert wurde 1945. Nach dem Zwei-plus-Vier-Vertrag wurde der Panzer wieder entfernt - in die Sowjetunion oder wo auch immer hin. Dann hat ein Künstler eine sowjetische Schneefräse drauf gemacht. Das find ich deshalb so toll: 'Schwerter zu Pflugscharen' war ja die Kampagne der DDR-Oppositionsbewegung, dann hatten wir natürlich 'Patrouillenwege zu Radwegen' und dann 'Panzer zu Schneefräsen'. Das passt alles gut zusammen, ist gut erklärt und steht jetzt unter Denkmalschutz. Hier soll der Mauerweg gut gemacht werden, dass man auch gut fahren kann - es ist ja ein bisschen sandig gewesen."

Aber auf mühevolle Abschnitte folgt eine Art Belohnung: Wir bleiben nicht im Sand stecken, sondern rollen auf ebener Fahrbahn – jetzt Richtung Checkpoint Bravo.

Michaela Gericke, rbbKultur

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Download (mp3, 5 MB)
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