Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 32 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Die Welt der Guermantes – die Folgen 52 bis 56

Einmal die Woche, immer montags, gibt es unsere Mitlese-Kolumne "Lust und Frust mit Proust". Dieses Mal denkt Autorin Doris Anselm drüber nach, was der hundert Jahre alte Roman mit dem Internet zu tun hat.

Mit Marcel in der Matrix

Letztens war ich unterwegs. Vor mir liefen zwei acht- oder neunjährige Jungs. Der eine stellte eine Frage, die sein Freund nicht beantworten konnte, und die mich immer noch beschäftigt. Er fragte: "Wie sind die Leute eigentlich früher ins Internet gekommen, als es noch keine Computer gab?"

Erst musste ich lächeln, aber dann dachte ich, dass das Internet für die Generation dieser Jungs eine ebenso faktisch vorhandene Welt ist wie die, in der wir gerade über die Straße gingen. Und damit womöglich auch ebenso alt. Es ist zumindest vorstellbar, dass man im Mittelalter beispielsweise magische Tore im Wald benutzt haben könnte, um eine virtuelle Welt zu betreten, und dass es im Internet des Mittelalters vielleicht noch kein TikTok gab, sondern rustikale Holzbühnen, auf denen kurze Schwänke gespielt wurden.

Marcel Proust gibt nun eine anschauliche Antwort auf die Frage, wie die Leute Ende des 19. Jahrhunderts ins Internet gekommen sind.

Der Erzähler befindet sich bei einem Diner. Es ist alles da, was Rang und Namen hat. Das Tischgespräch erscheint ihm erst grauenhaft langweilig, mir auch, denn es geht im Grunde nur darum, wer mit wem verwandt ist, wessen Heirat eine "Mesalliance" war, ein sozialer Schritt nach unten, und es werden Gerüchte über andere Adelige verbreitet, meist fake news.

Aber dann passiert etwas Interessantes – und zwar im Kopf des Erzählers. Zitat:

"Allmählich bedeckten sich die Räume meines Gedächtnisses […] mit Namen, die sich ordneten und zusammenfügten in Beziehung zu anderen, und untereinander immer zahlreichere Verknüpfungen eingingen, so dass sie jene vollendeten Kunstwerke nachahmten, in denen kein einziges Tüpfelchen nur für sich besteht, sondern jeder Teil […] von den anderen her seinen Daseinsgrund erhält wie er andererseits den ihrigen bestimmt."

Hier klingt Proust doch, als ob er eigentlich über ein paar Server schreibt! Die Köpfe selbst sind die Speichermedien. Der scheinbar überflüssige Klatsch und Tratsch, das sind die notwendigen Pings und Pingbacks, also das Abgleichen der Informationen untereinander. Unser Erzähler ist soeben in die Matrix eingestöpselt worden.

Okay, das Internet dieses Romans ist vielleicht eher noch ein etwas kleineres Intranet der Aristokratie: Menschliche Gehirne haben nun mal nicht ganz so viel Speicherplatz wie Computer. Außerdem fehlen schlicht und einfach Daten. Zurückverfolgen lassen sich nämlich nur aristokratische Familien, so begründet der Erzähler seine Faszination für sie. Ihre Daten aber reichen dann oft bis ins 14. Jahrhundert, samt Memoiren und Briefwechseln.

Heute haben wir ein social Internet, das zumindest potenziell nichts und niemanden mehr vergisst. Was das mit Faszination, Geheimnis und Bedeutung macht – darüber hätte ich gern mal mit Proust geredet, diesem digital native seiner Zeit.

Doris Anselm, rbbKultur

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Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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