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Der feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Tote Frauen

Sprache macht Wirklichkeit. Deshalb streiten wir uns oft so erbittert um Worte und Bezeichnungen. In dieser Woche ging es in Berlin darum, ob ein sogenannter Ehrenmord nicht besser "Femizid" genannt werden sollte: gezielte Tötung einer Frau. Beides irgendwie schwierig, findet unsere Kolumnistin Heide Oestreich.

Ich fang gleich mit dem Problem an. Femizid heißt einfach Frauentötung. Das ist zu wenig. Zu unpräzise. Denn dann fragt sich doch jeder Mensch, wie es denn im Vergleich zur Frauentötung mit der Männertötung steht. Und wenn man da mal nachzählt, werden weltweit etwa vier Mal so viele Männer umgebracht wie Frauen. Und dann könnte man auf die Frage kommen, was denn da wohl das größere Problem ist. So argumentieren Männerrechtler zum Beispiel. Und schon steckt man in einer schrecklich fruchtlosen Debatte.

Wichtig ist der Grund, aus dem Frauen getötet werden. Und dieser Grund heißt: patriarchales Denken. Frauen sind weniger wert, Frauen darf man kontrollieren, gängeln, quälen, ihrer Freiheit berauben und letztlich ihres Lebens. Dieses Denken ist tödlich für Frauen. Und nicht für Männer. Und das alles macht das Wort Femizid erstmal nicht kenntlich. Man muss dafür erst das Kleingedruckte lesen. Deshalb kann ich sogar verstehen, dass Franziska Giffey von der SPD – die begnadete Erfinderin einfacher Gesetzesnamen wie "Gute-Kita-Gesetz" - lieber klarere Worte benutzen möchte.

Allerdings sollten wir dann bei allen Morden aus patriarchalen Motiven gleich klar sein. Und da muss man feststellen: diese Klarheit fehlt bei allen Tötungen, die nicht im Rahmen einer ominösen Ehrkultur stattfinden. Vulgo: Die nicht von Menschen mit Migrationshintergrund aus einer solchen Kultur begangen werden. Auf Deutsch: Die von Angehörigen der deutschen Mehrheitsgesellschaft begangen werden. Da sprechen wir dann nämlich noch allzu oft nicht von einem schrecklichen Mord - sondern von einer Tragödie. Sie erinnern sich vielleicht noch dunkel an Ihre Schullektüre? Ödipus? Antigone? Tragödie, das hieß: ein Held von hoher Stellung wird schuldlos schuldig. Klingt besser als Mörder, nicht wahr?

Ein deutscher Mann, der seine Expartnerin umbringt, weil sie es gewagt hat, ein eigenständiges Leben zu führen, findet auch vor Gericht durchaus Verständnis: Unser Bundesgerichtshof etwa urteilte schon öfter, dass eine solche Tötung nicht als Mord gewertet und bestraft werden sollte, weil der Täter das Opfer ja gar nicht verlieren wollte. Im Gegenteil, er wollte es behalten! Tragisch! Wie bei Sophokles! Das alles bedeutet nur eines: patriarchales Besitzdenken wird bei uns legitimiert – und als strafmildernd gewertet.

Als bekannt wurde, dass Gerichte Ehrvorstellungen muslimischer Männer als strafmildernd werten, gab es einen Aufschrei. Scharia in Deutschland! Aber wo ist denn das Geschrei, wenn es um patriarchale Morde in der Altgesellschaft geht?

Solange Franziska Giffey uns also keinen präzisen Begriff für Morde aus patriarchalen Motiven vorschlägt, steht ihr Reden von Ehrenmorden auch für mich unter Rassismusverdacht. Da ist mir der Begriff Femizid auch lieber – einfach, weil sich die internationale Frauenrechtsbewegung jetzt nun mal auf diesen Ausdruck geeinigt hat. Aber ehrlich: Patriarchaler Mord – das wäre passender.

Heide Oestreich, rbbKultur

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Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.

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Diskussion um den Begriff "Ehrenmord" - "Es gibt nichts Ehrloseres, als einen anderen Menschen zu töten"

Zwei Männer haben in Berlin ihre Schwester getötet - mutmaßlich, weil sie sich durch ihren Lebensstil in ihrer "Ehre" gekränkt sahen. Nun wird über den Begriff "Ehrenmord" gestritten. Berlins Integrationssenatorin Breitenbach wollte nicht von "Ehrenmord" reden, sondern von "Femizid". SPD-Bürgermeisterkandidatin Giffey besteht dagegen auf der Bezeichung. Was sie an dem Begriff "Ehrenmord" problematisch findet, erklärt Christina Clemm, Rechtsanwältin für Gewaltopfer.