Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 33 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Die Welt der Guermantes – die Folgen 57 bis 61

Unsere Proust-Kolumnistin Doris Anselm hört und liest mit, und diese Woche kommt sie dabei einer Methode des Autors auf die Spur, die für Schreibende von heute streng verboten scheint. Es geht um das "Kontrastmittel" Langweile.

Kürzlich war der Punkt erreicht, an dem ich dachte: Jetzt les’ ich nur noch weiter, weil ich dafür bezahlt werde. So öde war's. Direkt danach kam die für mich bisher grandioseste Szene des Romans.

Das ist kein Zufall. Nein, die öden hundert Seiten davor sind praktisch das Einatmen vor dem Aufschrei, ein leises Rauschen aus Gesprächen über Empiremöbel, Stammbäume, Ziergärtnerei, Kunstkritik und ledergefütterte Zylinder. Nachdem der Erzähler sich dann noch seitenlang über den Blick aus dem Treppenhaus verbreitet hat, spielt er fast schon sadistisch mit unserer Langeweile, indem er andeutet:

"Dies Warten auf der Treppe aber sollte für mich so bedeutende Folgen haben […], (und wir alle so: Ja, ja, jetzt geht’s weiter!!!) "… dass es besser ist, den Bericht darüber noch kurze Zeit aufzuschieben […]."

Und wir alle so: Neeeeeeiiiin!!!

Dann folgt noch eine vordergründig wilde, im Kern aber komplett vorhersehbare Szene mit Baron de Charlus. Na gut, der Arme wartet nun auch schon seit 300 Seiten in den Kulissen darauf, dass er endlich weiter am jungen Erzähler rumbaggern darf.

Schließlich nun aber: die Stelle, für die sich der ganze lange Atem gelohnt hat. Eine richtig große Autorengeste.

Proust fegt mit ihr alles vom Tisch, was er bisher bei mir aufgebaut hat in Sachen "Ansichten zur Aristokratie". Seine so feinsinnigen, liebenswürdigen, stets tadellosen Edelleute kapitulieren erbärmlich vor der ersten Situation, in der sie einfaches menschliches Mitgefühl bräuchten.

Ich verrate mal nicht, welcher alte Freund der Herzogin tödlich erkrankt ist, sondern nur, dass er ihr mit dieser Nachricht ungelegen kommt:

"Zum ersten Mal in ihrem Leben zwischen zwei so ganz verschiedenen Pflichten stehend wie der, in ihren Wagen zu steigen, um sich zu einer Dinereinladung zu begeben, und der, einem Sterbenden Mitleid zu bezeigen, fand sie in ihrem Kodex […] keine Regel, die sie anwenden konnte, und da sie nicht recht wusste, welcher von beiden Pflichten sie den Vorrang geben sollte, hielt sie es für das Beste, so zu tun, als glaube sie nicht daran, dass die zweite Alternative sich jemals stellen könne, um desto beruhigter der ersten folgen zu können, die im Augenblick weniger anstrengend war […]."

Während also die Herzogin dem kranken Freund wenigstens noch das Sterben ausreden will, beschwert sich ihr ebenso hilfloser Mann: "Jetzt halte dich doch nicht damit auf, zu schwatzen und Jeremiaden […] auszutauschen, du weißt ja, welchen Wert Madame de Saint-Euverte darauf legt, dass Punkt acht Uhr zu Tisch gegangen wird.“

Die Szene spitzt sich noch zu, und sie gehört zum Komischsten, Traurigsten, Bösesten, was ich je gelesen habe. Perfektion aber erreicht sie nur, wenn man die hundert Seiten wohltemperiertes Rauschen vorher mitgemacht hat: Eine Langeweile, die kein Fehler war, sondern raffinierte Technik. Sehr, sehr Proust.

Wobei: Vielleicht hätten es fünfzig Seiten Langeweile auch getan.

Doris Anselm, rbbKultur

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Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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