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Der Feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Eine letzte Lektion für Afghaninnen

Wer es sehen wollte, konnte es sehen: Die Frauenrechte in Afghanistan waren nie sicher. Doch nun kann man nicht einmal garantieren, dass hoch gefährdete Aktivistinnen in Sicherheit kommen. Heide Oestreich ringt mit ein paar Inkongruenzen.

Diese Kolumne schreibt sich gerade nicht so leicht. Meine Kolleginnen, Journalistinnen, Feministinnen in Kabul sitzen vielleicht gerade in einem Versteck und wissen nicht, ob sie morgen tot sind – oder vielleicht in Sicherheit. Meine Regierung ist zu einem erheblichen Teil schuld daran. Der Außenminister, der in die Politik gegangen ist, weil er nie wieder Faschismus haben wollte, hat meine Kolleginnen einfach so den Islamofaschisten übergeben. Die Bundeskanzlerin, berühmtes feministisches Role Model, oh ja – hat das geschehen lassen. "Sorry, verschätzt", sagt die Regierung jetzt. Und "kein Grund zum Rücktritt, nö". Und die Begleitmusik der CDU dazu: "Oh, hoffentlich kommen nicht zu viele Flüchtlinge".

Es rückt einem ja nicht oft so nahe, dass auch eine riesige Katastrophe für die Politik immer nur eine "Situation" ist. Die Situation wird behandelt und mit einer Kommunikation versehen und dann geht die Situation vorüber und es wird wieder Wahlkampf gemacht oder irgendetwas anderes. Die Betroffenen der Katastrophe senden wackelige Handyvideos mit Hilferufen, ihre Vertreter*innen demonstrieren, konferieren und fordern. Aber die Politik behandelt eine Situation.

Und dass sie diese Offenbarung eines grandiosen Versagens so abhandeln will wie jede andere Situation, wirkt besonders schockierend. Denn fast 20 Jahre lang wurden uns Bilder glücklicher afghanischer Schulmädchen, Studentinnen, Journalistinnen und Juristinnen, Bergsteigerinnen, Rollerskates- und Radrennfahrerinnen und natürlich Politikerinnen präsentiert als Triumphe des Guten über das Böse. Das gleißende Glück der Emanzipation sollte darüber hinwegblenden, dass eigentlich nichts so wirklich gut ist im besetzten Afghanistan: Aber die Mädchen! Aber die Frauen! Und jetzt dieses banale "Sorry, verschätzt". Die Fallhöhe ist so gigantisch, dass man von den Frauenrechten als Spielball geostrategischer Fantasien wirklich nichts schreiben muss, so klar liegt das nun auf der Hand.

Die Rede davon, dass es so schlimm sicher nicht werde, weil die Taliban ja viel weiser und moderner geworden seien, soll den Fall etwas abfedern. In der Realität weist nichts darauf hin, dass die Taliban ihre Haltung zu Frauenrechten geändert hätten. Nichts.

Jetzt diskutieren die Expert*innen also die "learnings" aus dem Experiment Afghanistan. Die Afghaninnen haben ihre Lektion bereits bekommen. 20 Jahre lang wurde ihnen erzählt, wie wichtig ihre Existenz und ihre Freiheit sind. In einem letzten Schnellkurs lernen sie jetzt, dass nichts davon stimmt, dass ihre Existenz und Freiheit exakt nichts wert sind. Was das mit einem Menschen macht, kann ich nicht abschätzen. Aber wäre der grandiose Turm westlicher Hybris, von dem die Afghaninnen gerade gestoßen werden, ein reales Bauwerk – es gäbe sicher keine Überlebenden.

Heide Oestreich, rbbKultur

Konflikt in Afghanistan

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Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.