Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 34 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Sodom und Gomorrha – die Folgen 1 bis 5

Diese Woche starten wir in den neuen Band: "Sodom und Gomorrha". Bei diesem Titel ist es kein Wunder, dass sogar das unschuldige Bild von den Bienchen und den Blümchen hier etwas … anders daherkommt als gewohnt. Unserer Proust-Kolumnistin Doris Anselm ist beim Lesen ganz schön warm geworden.

Bienchen und Blümchen mit Sternchen

Eine schmutzige Fantasie und eine gewisse Neugier hatte ich schon immer. Da geht es mir nicht anders als dem Erzähler, der gerade als Voyeur durch die Höfe und Treppen seiner Nachbarschaft streicht. Dabei beobachtet er, wie Baron de Charlus und der ehemalige Schneider Jupien einander begegnen und erkennen. Anscheinend haben beide einen fantastischen "Gaydar" und für die damalige Zeit gehörigen Mut, denn ohne, dass sie einander (meiner Erinnerung nach) je vorgestellt worden wären, wissen sie innerhalb von wenigen Minuten, was Sache ist, und haben spontanen Besenkammer-Sex.

Der Erzähler belauscht sie, wir auch, und ich muss sagen: Ich fand es ziemlich heiß. Das liegt auch daran, dass ich ein akustischer Lustmensch bin. Und wie schon im zweiten Band, bei der Szene mit der Cattleya-Orchidee, verbindet uns der Autor auch hier praktisch die Augen. Damals konnten wir nur hören, welche Worte Swann seiner Odette in den Ausschnitt säuselte, während er alles Mögliche mit ihr machte. Und auch diesmal bekommen wir sehr konkrete akustische Eindrücke, während die Bilder dazu in der Fantasie entstehen:

"[…] nach dem zu schließen, was ich […] von Jupiens Seite her vernahm und was einzig in unartikulierten Lauten bestand, vermute ich, dass die beiden nur wenig Worte wechselten. Allerdings waren diese Töne so stark, dass ich, wären sie nicht immer wieder eine Oktave höher von einer parallel verlaufenden Klage aufgegriffen worden, hätte meinen können, neben mir erwürge eine Person eine andere, hinterher aber nähmen der Mörder und sein wiedererstandenes Opfer ein Bad, um alle Spuren des Verbrechens gründlich abzuwaschen."

Das Verbrechens-Bild ist klar gesetzt. Denn nachdem der junge Erzähler durch seinen Lausch-Angriff endlich ein paar Dinge kapiert hat über den Baron und dessen seltsames Verhalten auch ihm gegenüber, beginnt der Autor einen mehrseitigen Essay über die Tragik, in einer Gesellschaft homosexuell zu sein, die das zum Verbrechen erklärt hat. Man kann das politisch und poetisch lesen. Mich hat dabei immer wieder der Verdacht beschlichen, dass der schwule Marcel Proust vielleicht auch gerade in diese Tragik ein bisschen verliebt war. Das zu unterstellen, steht mir natürlich als Hetero-Frau von heute nicht zu.

Was ich aber sagen darf: Grandios ist, wie er die Bienchen und Blümchen annektiert. Die werden ja sonst immer nur als verschämtes Aufklärungs-Bild für Fortpflanzung bei Zweigeschlechtlichkeit benutzt. Dabei wissen wir, dass Flora und Fauna unseres Planeten um einiges vielfältiger sind, ich sag mal: Bienchen und Blümchen mit Sternchen.

Proust verwendet das Beispiel seltener und schwer zu bestäubender Pflanzen, wie etwa der Vanille, für Homosexualität – und wagt es sogar, einvernehmliche Befriedigung genauso hoch zu achten wie biologische Befruchtung, denn: "es ist doch nicht gleichgültig, ob ein Individuum die einzige Lust findet, die es zu genießen imstande ist."

Doris Anselm, rbbKultur

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Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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