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Der Feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - AfD-Politik in Afghanistan

Am Donnerstag sollte das letzte Flugzeug der Bundeswehr am Kabuler Flughafen abheben. Hunderte Ortskräfte bleiben zurück: auch die von Menschen- und Frauenrechtsorganisationen. Ob sie noch einen Weg aus dem Land finden, in dem ihr Leben gefährdet ist, ist offen. Heide Oestreich über eine merkwürdige Koinzidenz von AfD-Positionen und Regierungspolitik.

Der perfideste Versuch, einen Reim auf die heillose Lage in Afghanistan zu machen, kommt von der AfD. Wie konnte das alles passieren?, fragen sich im Moment viele, viele Menschen. Sinnvollerweise guckt man dabei auf das Abkommen der USA mit den Taliban und man fragt auch, ob ein Jahrzehnte währendes Besatzungsregime überhaupt eine Antwort auf eine Terrorattacke sein kann.

Aber die AfD weiß schon, dass jeder Versuch, angeblich "westliche" Werte in ein muslimisches Land zu exportieren, zum Scheitern verurteilt sein muss. "Unsere Werte sind nicht universell" rief am Mittwoch der Fraktionschef der Rechtspopulisten, Alexander Gauland, im Bundestag der Kanzlerin entgegen, die gerade ihr außenpolitisches Scheitern erläutert hatte. Der einfache Reim der AfD: Die Afghanen wollen keine Demokratie und keine Frauenrechte. Deshalb braucht man auch keine komplizierte wertebasierte Außenpolitik, die einem so furchtbare Dilemmata beschert.

Dass auch die AfD selbst so ihre Schwierigkeiten mit universellen Menschenrechten hat, unterschlägt Gauland natürlich. Was einem aber vor allem einen inneren Schwächeanfall angesichts dieser Interpretation verursacht, ist die Tatsache, dass unsere Regierung ihre Außenpolitik zwar ausdrücklich an universellen Werten wie auch den Frauenrechten orientieren will. Aber in der Realität nicht mehr zu Stande bekommt als exakt das, was Gauland einfordert: Sie wendet sich achselzuckend ab. AfD-Politik.

Die UN-Resolution 1325, die wir auch unterzeichnet haben, verpflichtet dazu, Frauenrechte in Kriegs- und Krisensituationen sicherzustellen. Sie ist getragen von der Erfahrung, dass in Kriegen oft nur ein Geschlecht die Waffen in der Hand hat – mit den bekannten Folgen für die unbewaffnete Hälfte der Bevölkerung. Nähme man die Resolution ernst, hätte es das Abkommen mit den Taliban so nicht geben dürfen – ohne die Rechte der Frauen sicherzustellen. Die Resolution legt auch Wert auf Konfliktprävention – und stellt so den gesamten Krieg gegen Afghanistan mit in Frage.

Dass Angela Merkel zu all dem nichts zu sagen hatte, in ihrer Erklärung zu dieser Katastrophe diese Woche im Bundestag, gibt leider der AfD recht: Unsere Werte sind nicht universell. Wir haben sie nur für uns reserviert.

Heide Oestreich, rbbKultur

Konflikt in Afghanistan

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Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.