Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 35 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
rbbKultur
Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Sodom und Gomorrha – die Folgen 6 bis 10

Unser Proust-Lesung hat letzte Woche schond das Richtfest gefeiert, wir machen munter weiter. Natürlich auch wie jede Woche mit unserer Mitlese-Kolumne "Lust und Frust mit Proust" von Doris Anselm. Diesmal mit einer kleinen Hitliste von Peinlichkeiten auf Parties.

Gartenparties aus der Hölle

Man sehnt sich ja immer nach allem, was gerade nicht geht. So geschehen in der Corona-Pandemie mit großen festlichen Veranstaltungen. Dabei vergisst man gern, dass es auch vieles gab, was unerträglich war an solchen Festen. Zum Glück und zur Erinnerung gibt’s Marcel Proust. Der schickt uns diese Woche auf eine Salon- und Gartenparty bei der Prinzessin von Guermantes, so richtig mit Springbrunnen und Kartenspielzimmer.

Kaum war ich fünfzig Seiten dort, schon hatte ich das Gefühl, nie weggewesen zu sein. Es gibt offenbar Leute, die seit den Lebzeiten von Proust auf jedem Fest der Welt rumhängen und es einem ruck-zuck zur Hölle machen können.

Auftritt: Madame de Citri, Vertreterin der Gattung "alte Miesmacherin". Proust erledigt ihren Nihilismus in wenigen Zeilen:

"Sie fand alle Menschen idiotisch […] Nachdem sie die Soireen aufgegeben hatte, um statt dessen an musikalischen Veranstaltungen teilzunehmen, führte sie Reden wie die folgenden: '[…] Ach, Beethoven, alles bei dem hat ja schon so einen Bart!‘ […] Bald war schlechterdings alles langweilig bei ihr. Ist das tödlich, diese 'schönen Dinge'! Ach! Bilder! Das ist ja zum Verrücktwerden […]!‘ Schließlich erklärte sie das ganze Leben für eine unsäglich fade Angelegenheit, ohne dass man recht wusste, woher sie eigentlich den vergleichenden Maßstab nahm.“

Treffer, versenkt! Genau so sind diese destruktiven Nörgler, die sich einem auf Parties an die Fersen hängen, wenn man Pech hat. Und irgendwie mach ich mir Sorgen, dass ich durch die lange ungesellige Zeit der Corona-Pandemie verlernt habe, mich solchen Leuten elegant zu entledigen.

Natürlich stehen uns heutzutage auch nicht mehr ganz die gleichen Methoden zu Gebote wie damals bei Proust. Als zum Beispiel der Herzog von Guermantes auf dem Fest irgendeinem dahergelaufenen deutschen Musikus vorgestellt werden soll, den er am liebsten nicht mal mit den Frackschößen angucken würde, löst er das Problem so:

"… nachdem er durch seine ablehnende Haltung gleichsam die ganze Versammlung zum Zeugen genommen hatte, dass er den bayerischen Musiker nicht kenne, kreuzte er hinter sich auf dem Rücken seine beiden weißbehandschuhten Hände, warf den Oberkörper nach vorn und versetzte dem Musiker einen so tiefen […], so jähen und so heftigen Gruß, dass der Künstler zitternd zurückwich und sich dabei vornüberneigte, um nicht einen furchtbaren Stoß mit dem Kopf in den Magen zu erhalten.“

Autsch, gute Idee: die Verbeugung als Waffe. Aber nicht einmal die hilft gegen den Klassiker aller peinlichen Party-Momente: Wenn man an jemanden gerät, von dem einem der Name nicht mehr einfällt, so dass man während der gesamten Unterhaltung innerlich ein Zweitgespräch mit dem eigenen Gedächtnis führt. Uäh. Alles Gründe, um auch nach der Pandemie öfter mal einer realen Geselligkeit fernzubleiben. Täuschend echten Ersatz gibt es in diesem Roman.

Doris Anselm, rbbKultur

Kolumne

RSS-Feed

Proust lesen

Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
picture alliance / Heritage-Images

Lesekreis - Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Proust hören

RSS-Feed