Toralf Staud in der ARD-Talkshow "Maischberger", 2018; © dpa/Jens Krick/Geisler-Fotopress
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Toralf Staud, Journalist und Buchautor - "40 Grad sind schon Mitte unseres Jahrhunderts nicht mehr ungewöhnlich"

In Berlin wird es im Jahr 2050 so warm sein wie in Toulouse. Egal was wir tun. Denn die CO2-Mengen, die dann das Klima bestimmen werden, sind schon längst in die Atmosphäre emittiert. Dies ist eine erschreckende Erkenntnis von vielen, sehr plastisch beschriebenen in dem Buch "Deutschland 2050. Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird". Die Angst um unsere Zukunft und die der nächsten Generationen ist also mehr als gerechtfertigt. Es drängt die Zeit. Ist die Welt noch retten?, fragen wir auf rbbKultur. Diesmal: den Journalisten und Buchautor Toralf Staud.

rbbKultur: Herr Staud, in Ihrem Buch "Deutschland 2050. Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird", das Sie zusammen mit Nick Reimer veröffentlicht haben, schreiben Sie, dass es 2050 in Deutschland viel heißer, zugleich aber auch trockener und nasser werden wird. Um es milde auszudrücken: es wird ungemütlich. Wie können Sie das denn so genau vorhersagen? Es ist ja schließlich noch ein bisschen hin …

Staud: Ja, es ist noch ein bisschen hin - aber es ist näher, als man glaubt. Das sind nur noch 29 Jahre. Die Wiedervereinigung, an die sich viele Leute noch ganz lebhaft erinnern, ist auch schon 30 Jahre her. 2050 klingt fern, ist aber nicht fern.

Das andere, was man wissen muss, ist dass das Klimasystem ein unheimlich träges System ist. Den Großteil der Treibhausgase, die 2050 unser Klima bestimmen werden, haben wir längst ausgestoßen. Das ist wie bei einer Herdplatte bei einem alten Elektroherd: Wenn man sie anschaltet, braucht sie ein paar Minuten, bis sie glüht. Aber selbst, wenn man sie dann ausschaltet, glüht sie noch nach.

So müssen Sie sich das Klima vorstellen. Mit den Klimamodellen kann man jetzt schon ziemlich genau sagen, wie es Mitte des Jahrhunderts bei uns wird.

rbbKultur: Das heißt, Sie haben mit vielen Wissenschaftler:innen gesprochen, sich Modelle erklären lassen und dann daraus geschlossen, dass es trockener und nasser zugleich werden wird. Das hört sich widersprüchlich an.

Staud: Für das Buch sind wir sind zum Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach gefahen. Die haben im Erdgeschoss ihrer Zentrale containergroße Rechner – Supercomputer – und mit denen haben sie ins Jahr 2050 und weiter geguckt.

Die Ergebnisse: es wird viel, viel wärmer. Nicht nur ein bisschen milder im Frühling, sondern es wird vor allem im Sommer richtige Hitzespitzen geben. 40 Grad sind dann schon Mitte des Jahrhunderts nicht mehr ungewöhnlich. Es wird insgesamt im Laufe des Jahres vermutlich sogar ein bisschen mehr Regen geben, denn wärmere Luft kann mehr Wasserdampf halten. Das ist einfache Physik. Aber wenn es dann regnet, dann gibt es immer seltener diesen typischen norddeutschen, ergiebigen Landregen, der gut ist für Landwirtschaft und Wälder. Wenn es dann regnet, dann kracht es richtig. Dann gibt es Wolkenbrüche, wie wir sie jetzt zum Beispiel im Ahrtal gesehen haben. Und das heißt tatsächlich Verwüstungen: Keller laufen voll, Ernten werden von den Feldern geschwemmt. Das Wasser kommt so schnell runter, dass es gar nicht in den Boden einsickern kann.

Das sehen wir auch in diesem Jahr, obwohl es überdurchschnittlich viel geregnet hat. Auch in Brandenburg und Berlin sind die Böden in der Tiefe immer noch furztrocken. Wir gehen ins vierte Trockenjahr in Brandenburg. Man sieht es auch schon an den Wäldern: Schon jetzt sterben alte Bäume ab. Darauf müssen wir uns Mitte des Jahrhunderts einrichten.

Wissenschaftler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung haben schon in den 90er-Jahren gesagt, dass es einen Trend zur Steppe in Brandenburg gibt. Mir wurde berichtet, dass es damals einen Anruf aus der Staatskanzlei gab, man möge doch das Wort Steppe bitte nicht benutzen – das würde einfach zu frustrierend klingen. Aber leider wird das die Zukunft für Brandenburg: eine Versteppung.

rbbKultur: Sie schreiben auch von anderen Konsequenzen, die es geben wird – zum Beispiel, dass sich die Tigermücke und damit das Dengue-Fieber bei uns verbreiten könnte.

Staud: Wir waren in Hamburg beim Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, wo mit Mücken experimentiert wird. Dort sieht man ganz genau, dass bei den Temperaturen, die wir Mitte des Jahrhunderts in Deutschland und vor allem in Brandenburg und Berlin haben werden - die Lausitz ist ein Hotspot des Klimawandels, hier wird es heißer als in vielen anderen Teilen Deutschlands – bessere Lebensbedingungen für (Tiger)-Mücken herrschen werden, aber auch für die Viren, die in den Mücken sind und die beim Stechen Krankheiten übertragen können.

Das West-Nil-Virus ist das, was als nächstes droht. Erste Fälle haben wir schon in den letzten Hitzejahren 2018 bis 2021 in (Nord-)Sachen, aber auch in Brandenburg und Sachsen-Anhalt gesehen. Das ist eine Krankheit, die wirklich ernste Gehirnhautentzündungen hervorrufen kann.

rbbbKultur: Sie berichten in Ihrem Buch von verheerenden Auswirkungen des Klimawandels. Sie schreiben aber auch gleich zu Beginn, dass wir es noch in der Hand haben. Gibt es noch Hoffnung?

Staud: Ja, natürlich. Das Buch soll nicht depressiv machen. Im Gegenteil: Es zeigt, was 2050 unsere Zukunft sein wird. Aber auf diesem Niveau können wir den Klimawandel noch begrenzen, wenn wir jetzt ganz stark Klimaschutz machen - viel stärker als bisher. Da ist die kommende Bundestagswahl die entscheidende. Die neue Bundesregierung ist die letzte, die Deutschland auf den 1,5-Grad-Pfad Erhitzung bringen kann. Auf dem Niveau, wie wir es im Buch beschreiben, kann man den Klimawandel noch begrenzen.

Wenn wir jetzt nicht Klimaschutz machen, wird es tatsächlich viel schlimmer. Dann wird es ein fortlaufender Klimawandel - und das wäre wirklich eine depressive Zukunft.

Das Gespräch führte Susanne Papawassiliu, rbbKultur. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fasssung. Das ungekürzte Gespräch können Sie als Audio nachhören.

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