Philipp Öhlmann, Theologe und Ökonom; © Humboldt-Universität zu Berlin
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Philipp Öhlmann, Theologe - "Religion kann einen Beitrag zum Bewusstseinswandel leisten"

Was lange Zeit abstrakt schien, ist inzwischen ganz nah: Der viel beschworene Klimawandel wirkt sich auf jeden Menschen weltweit aus, in Berlin und Brandenburg ebenso wie in Griechenland, Indien, den USA oder China. Die Angst um unsere Zukunft und die der nächsten Generationen greift um sich. Die Suche nach Lösungen dauert schon Jahrzehnte an, aber nun drängt die Zeit. Wir fragen auf rbbKultur: Ist die Welt noch zu retten? Und wenn ja, wie? Heute sprechen wir mit dem Theologen Philipp Öhlmann.

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Kann der Glaube die Welt retten? Die Bewahrung der Schöpfung ist Kern aller Religionen. Shelly Kupferberg spricht mit dem Theologen Philipp Öhlmann, Leiter des Forschungsbereichs Religiöse Gemeinschaften und nachhaltige Entwicklung an der Humboldt Universität zu Berlin.

rbbKultur: Guten Tag, Herr Öhlmann. Die Bewahrung der Schöpfung ist der Kern aller Religionen. Kann der Glaube also die Welt retten?

Öhlmann: Ob der Glaube die Welt retten kann? Ich würde sagen: sicherlich nicht allein. Wenn wir uns fragen, was die Welt retten, die Klimakatastrophe noch verhindern kann, dann ist es ziemlich klar, dass es dafür eine gesamtgesellschaftliche, eine sozial-ökologische Transformation braucht, die durch alle gesellschaftlichen Bereiche durchgeht. Das braucht auch ein Mitwirken aller gesellschaftlichen Akteure - Politik und Wirtschaft. Aber ich glaube, da können auch Religionsgemeinschaften einen Beitrag leisten. Wenn wir so eine Transformation in Richtung Nachhaltigkeit erreichen wollen, dann brauchen wir auch einen grundlegenden Bewusstseinswandel. Und zu einem solchen Bewusstseinswandeln kann Religion einen Beitrag leisten.

rbbKultur: Nun sind Sie kein Theologe, sondern von Hause aus Wirtschaftswissenschaftler. Ihr Schwerpunkt sind christliche Glaubensgemeinschaften auf dem afrikanischen Kontinent, vor allem in Südafrika. Wie sehr ist denn dort für die Kirchen der Klimawandel ein Thema? Was beobachten Sie?

Öhlmann: Wir beobachten in den letzten Jahren spannende Prozesse der Veränderung in den Kirchen, auch der Theologie der Kirchen. Zum Beispiel gibt es eine Kirche in Südafrika, die Zion Christian Church, eine der größten Kirchen im südlichen Afrika mit – wie sie selbst sagt - 15 Millionen Mitgliedern. Selbst wenn es tatsächlich ein bisschen weniger Mitglieder sind, hat diese Kirche eine unglaubliche Reichweite. Vor zwei Jahren hat der leitende Bischof das Thema ökologische Nachhaltigkeit in der Theologie der Kirche verankert.

Das sind Prozesse, die wirklich ganz interessant sind. Das sehen wir in mehreren Kirchen - nicht in allen, aber in ganz vielen Bereichen. Plötzlich passiert da eine Hinwendung zum Thema Nachhaltigkeit. Aus meiner Sicht gibt es dafür zwei Gründe: Zum einen sind die Auswirkungen von Klimawandel und Umweltzerstörung nun wirklich im letzten Winkel der Welt spürbar. Die Welt gerät aus den Fugen - das merkt man überall. Das merken auch die Kirchen, gerade im ländlichen Raum, wenn wir an die Landwirtschaft denken …

rbbKultur: Hitze, Dürre, Extremwetter …

Öhlmann: Genau. Das zweite ist natürlich, dass die Klimadebatte in den letzten Jahren mit Fridays for Future usw. noch einmal an Fahrt gewonnen hat. Das geht natürlich auch an Religionsgemeinschaften nicht spurlos vorbei und da gibt es dann auch das Bestreben, sich zu diesem Diskurs zu verhalten, ihn aufzunehmen und das theologisch zu verarbeiten.

rbbKultur: Aber wahrscheinlich hängt das dann doch an einzelnen Personen. Wenn Sie sagen, dass ein Bischof in Südafrika das Ganze zur Querschnittsaufgabe erklärt hat, ist das natürlich toll, aber macht das auch Schule?

Öhlmann: Ich denke schon. Das sind natürlich zunächst einzelne Personen, die sich das Thema zu eigen machen. Aber das geht auch nur deswegen, weil es einen grundlegenden Bedarf dafür gibt. Es geschieht ja nicht im luftleeren Raum. Es geschieht, weil der Bischof sieht, dass sich die Mitglieder der Kirche im ländlichen Raum mit diesem Thema beschäftigen. Sie sehen, dass auf ihren Feldern weniger wächst, dass sie ihre landwirtschaftlichen Anbaumethoden umstellen müssen usw.

Das mag mit einzelnen Personen anfangen, aber ich glaube, das ist der Beginn eines größeren Prozesses. In diesen Kirchen ist zu beobachten, dass auch kleinere Initiativen beginnen, sich mit Umweltfragen und Fragen zum Klimawandel zu beschäftigen.

rbbKultur: In Deutschland spielt die Kirche im Alltag nicht überall eine ganze große Rolle. Viele Gemeinden klagen über Mitgliederschwund, dabei könnte die Kirche doch gerade in gesellschaftsrelevanten Themen ein wichtiger Ansprechpartner sein - auch in Klimafragen. Wird von Seiten der Kirche eine Chance verpasst, als relevanter Akteur aufzutreten?

Öhlmann: Ich glaube, dass es da schon viel an Engagement gibt. Das muss man auch wahrnehmen: Ökostrom in Gemeinden, die Initiative Nachhaltige Gemeinden - da gibt es einiges, was vielleicht öffentlich nicht so wahrgenommen wird, wo aber doch viel passiert. Zum anderen muss man eben auch sehen, dass gerade die großen Kirchen auf internationaler Ebene in den Debatten sehr aktiv sind, auch in der Lobbyarbeit gegen den Klimawandel. Wenn wir an den Lutherischen Weltbund denken, den Dachverband der lutherischen Kirchen weltweit - der ist ganz aktiv, auf globaler Ebene gegen den Klimawandel zu lobbyieren und die entsprechenden internationalen Rahmenwerke einzufordern.

Auf der anderen Seite kann man natürlich auch sagen, dass da mehr getan werden könnte. Da ist sicherlich - wie in fast allen Bereichen - vermutlich mehr drin und auch die Religionsgemeinschaften, die Kirchen in Deutschland, könnten sicherlich mehr tun.

Das Gespräch führe Shelly Kupferberg, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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