Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 38 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Sodom und Gomorrha – die Folgen 21 bis 25

Wie geht’s Ihnen so beim Mitlesen? Haben Sie auch "Lust und Frust mit Proust"? So heißt unsere wöchentliche Kolumne zum Buch. In Punkto "Lust" hat Autorin Doris Anselm diesmal eine bahnbrechende Entdeckung gemacht: Eigentlich müssten - frei nach Proust - alle Frauen lesbisch sein.

Schwule Tragik, lesbisches Laster

Vor ein paar Jahren hat die australische Comedienne Hannah Gadsby das Lachen revolutioniert. Ihre Stand-Up-Show "Nanette" wurde in der New York Times und im britischen Guardian besprochen und war online ein Dauerbrenner. Eine kathartische Stunde Humor, bei der man lachen, weinen und dazulernen konnte. Zum Beispiel darüber, wie Comedy oft mit großer Härte festschreibt, wer geistreicher Erzähler ist und wer bloß komisches Objekt, über das man nichts zu wissen braucht – Projektion reicht.

Ich glaube, Marcel Proust hätte Hannah Gadsbys Humor gemocht. Mit etwas Anlauf zumindest. Beim Enthüllen von Eitelkeiten liegen die beiden ganz auf einer Linie. Allerdings spricht Gadsby auch immer wieder über ihr Lesbischsein. Mit den Lesben nun hatte es Proust nicht so. Das wird in unserem aktuellen Romanteil sehr deutlich. Präsentiert sein Erzähler die männliche Homosexualität als von Tragik und großen Gefühlen umflort, so ist die weibliche für ihn schlicht ein Laster. Aber auch das nicht so ganz.

Hannah Gadsby beschreibt sehr schön, was vor allem Männer auch heute noch teils über Lesben zu denken scheinen, mit dem Satz: "Existieren die überhaupt, wenn grad keiner hinguckt?"

Die Projektion von Fantasien bei sonstigem Desinteresse prägt auch bei Proust bisher den Umgang mit Lesben – oder solchen, die es vielleicht sein könnten. Der Erzähler beobachtet seine Freundinnen beim Tanzen. Neben ihm sitzt Doktor Cottard, der seine schmutzige Fantasie über die ausgelassenen jungen Mädchen hinter medizinischer Autorität versteckt, als er sagt:

"… ‚die Eltern sind sehr unklug, dass sie ihre Töchter solche Gewohnheiten annehmen lassen. […] Da sehen Sie, passen Sie auf, setzte er hinzu, indem er auf Albertine und Andrée wies, die langsam, dicht aneinandergepresst vorübertanzten, […] bestimmt befinden sich die beiden jetzt auf der Höhe des Genusses. Es ist nicht genügend bekannt, dass die Empfindung bei Frauen vor allem durch die Brüste geht. Sie sehen ja, wie vollkommen beide sich mit ihren berühren.‘ Tatsächlich fand eine unaufhörliche leise Reibung zwischen denen Andrées und Albertines statt.“

Aha. Nach Cottards Brüste-Logik müssten also eigentlich ALLE Frauen mehr Spaß mit anderen Frauen haben als mit Männern. Und genau das ist wohl die tief tabuisierte Kernsorge, die den Erzähler von nun an mit Eifersucht vergiftet.

Aus Autorinnensicht finde ich es aber ganz logisch, dass der schwule Autor Proust seinen Hetero-Erzähler eine vielleicht lesbische Frau lieben lässt. Nur so kann der Autor zumindest die Strukturen seines eigenen Begehrens für den Text nutzbar machen: Der Erzähler und seine geliebte Person stehen auf gleichartige Objekte, von denen sie verführt werden und um die sie konkurrieren können. Sehr spannend. Einziger Haken: All diese Leute existieren wirklich nur so lange, wie wir hingucken. Also Mitlesen oder -hören.

Doris Anselm, rbbKultur

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