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Thekla Wilkening, Autorin und Klimaaktivistin - "Eine Pizza kann natürlich nicht die Welt retten"

Bio, öko, Fairtrade, vegan – wer auf solche Angaben und Siegel auf dem Etikett achtet, tut dies meist mit dem Ziel, möglichst nachhaltig zu leben. Aber sind Produkte mit Bio-Siegel überhaupt nachhaltig? Und retten wir mit "ökologischen" Produkten wirklich die Welt? Ein Buch will hier Klarheit schaffen: "Das Bio-Pizza-Dilemma - Der überraschende Wegweiser für mehr Nachhaltigkeit". Eine der Autor:innen ist die Klimaaktivistin und Nachhaltigkeitsexpertin Thekla Wilkening. Mit ihr sprechen wir auf rbbKultur.

rbbKultur: Frau Wilkening, können Sie in einem Satz erklären, worin das "Bio-Pizza-Dilemma" besteht?

Wilkening: Die "grüne Industrie" verdient an uns genauso gut wie die konventionelle Industrie, indem sie uns von Bürger:innen zu Konsument:innen macht und die Verantwortung der Weltrettung in unsere Hände legt. Darin besteht dieses "Bio-Pizza-Dilemma" - weil eine Pizza natürlich nicht die Welt retten kann.

rbbKultur: Diesen Druck auf jeden Einzelnen, den beschreiben Sie im Buch auch immer wieder …

Wilkening: Ja, genau. Im Grunde lenkt dieser Druck von den wahren strukturellen Problemen ab und missachtet, dass wir in unserem Alltag nicht genug Zeit haben, beidem nachzukommen: Wir kommen nicht nach, immer das nachhaltigste Produkt zu kaufen und gleichzeitig politisch aktiv zu sein, Kinder und einen Job zu haben. Wir werden abgelenkt.

rbbKultur: Ich kenne das auch: Man will alles richtig machen und schafft es einfach nicht. Es ist auch nicht immer "Bio" drin, wo "Bio" draufsteht. Bedeutet das, dass ich auch gar nicht nachhaltig einkaufen kann?

Wilkening: Ich würde schon sagen, dass es einen Unterschied macht, ob ich einen Fairtrade-Kaffee kaufe oder nicht und ob - bis zu einem gewissen Grad - bestimmte Produktionsbedingungen oder Lieferketten überwacht werden. Aber es ist nicht einfach und steht nicht in dem Verhältnis dazu, wie viel Zeit wir dafür aufbringen müssen. Dafür ist es einfach zu intransparent. Es ist ungerecht zu sagen: "Richte Deinen ganzen Einkauf danach - aber so richtig wirst Du es doch nie wirklich wissen oder nachprüfen können". Das ist ein Missverhältnis.

rbbKultur: Aber wie komme ich da raus?

Wilkening: Wir sagen, dass wir eigentlich nur sehr wenig Zeit darauf verwenden sollten, das Produkt wirklich zu prüfen - und wenn wir es nicht verstehen, diese Zeit stattdessen für uns zu nehmen. Vielleicht dazu, um abends unsere Mutter oder Oma anzurufen oder noch einen Spaziergang zu machen. Dinge, die wirklich gut für uns und die Umwelt und unsere Gesellschaft sind.

Wir müssen an die Industrie zurückgeben, dass wir uns nicht so leicht verwirren lassen von ihr. Sie soll uns konkret sagen, was nachhaltig produziert wird, ob es sich um ein gutes Produkt handelt und ob es fair produziert wurde, anstatt dass wir versuchen, alles zu verstehen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Bildung ist wichtig und es tut uns auch gut, uns in Nachhaltigkeitsthemen - zum Beispiel in unser Buch - einzulesen. Aber es hört irgendwo auf. Es darf nicht so sein, dass es uns unglücklich macht und wir ein schlechtes Gewissen haben, weil wir den Beutel zu Hause vergessen haben und nun doch eine Plastiktüte nehmen müssen. Es darf nicht sein, dass ich mich schlecht fühle und denke, ich hätte es schon wieder versaut.

rbbKultur: Ihr Buch kommt nicht mit einem gehobenen Zeigefinger daher. Doch wie bekommen wir nicht nur den Einzelnen, sondern die Gesellschaft insgesamt zum Umdenken? Es passiert eine Menge in letzter Zeit, aber mit einem Bauchgefühl allein ist es ja nicht getan.

Wilkening: Ich finde, dass das Bauchgefühl, unsere Intuition, sehr wichtig ist. Ich glaube fest daran, dass viele Menschen eigentlich wissen, was wirklich gut ist und dass das Greenwashing – das Behaupten, dass Dinge "grün" oder nachhaltig sind - an sich auch ein guter Ansatz ist, aber trotzdem nicht ausreicht.

Auch der Begriff der Klimaneutralität, der soziale Arbeitsstandards und soziale Gerechtigkeit völlig außer Acht lässt, führt auch nur dazu, dass wir ein "grünes Gewissen" bekommen, obwohl wir vielleicht eigentlich wissen, dass das tägliche Essen von Fleisch nicht gut für die Umwelt sein kann.

Ich glaube, dass wir zum einen auf das Bauchgefühl hören und die Entscheidung auch kurz mitzudenken sollten. Das andere ist, dass wir es alle zusammen schaffen müssen, dass sich alle Menschen auf dieser Seite wohlfühlen. Es gibt so viel Ablehnung gegen ein nachhaltiges Leben und so viele Vorurteile – zum Beispiel, dass es Verzicht bedeutet. Es gibt so viele Studien und auch so viele tolle Menschen, die zeigen, dass ein nachhaltiges Leben immer gut für mich ist: Dass es gesund ist, dass es glücklich macht, dass es sich hinwendet zu den richtigen Werten, die erwiesenermaßen gesund für unsere Psyche sind. Mehr Zeit draußen, mehr Zeit mit Freunden, weniger kaufen, weniger Ballast, weniger schlechtes Gewissen, weil wir so viel Geld ausgegeben haben …

Da müssen wir hinkommen. Wir müssen verinnerlichen, dass wir nicht die Welt retten, sondern UNS. Es geht um uns als Menschen, um uns als Wesen, um uns als Gesellschaft. Da dürfen sich alle angehörig fühlen. Gefährlich ist, wenn Menschen, die nachhaltig leben, dogmatisch werden und sagen: "Du ernährst Dich ja gar nicht vegan! Das ist nicht gut fürs Klima!"

Vielleicht reicht es, erstmal damit anzufangen, ein bisschen weniger Fleisch zu essen - dann könnten wir mehr Menschen in diese Bewegung aufnehmen und mehr Menschen würden sich zugehörig fühlen.

Das Gespräch führte Ev Schmidt, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte und gekürzte Fassung. Das ungekürzte Gespräch können Sie als Audio nachhören.

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