Katharina van Bronswijk; © Privat/A. Boehmann
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Katharina van Bronswijk, Psychologists For Future - "Die Psychologie kann etwas dazu sagen, wie die Lücke zwischen Wissen und Handeln zustande kommt"

Wir fragen auf rbbKultur: Ist die Welt noch zu retten? Und wenn ja, wie? Dafür sprechen wir mit Akteur*innen aus den verschiedensten Bereichen der Wissenschaft, der Kultur, Gesellschaft, Religion und Politik. Im heutigen Gespräch mit Katharina van Bronswijk geht es um die psychologischen Folgen der Klimakrise und was passieren müsste, damit die Brisanz der drohenden Katastrophe in unseren Köpfen wirklich ankommt.

rbbKultur: Frau van Bronswijk, warum haben sich die Psychologists for Future im April 2019 gegründet?

van Bronswijk: Ja, das ist eher untypisch für unseren Berufsstand, dass der politisch aktiv wird. Aber die Psychologie hat viel zu sagen. Zum Beispiel, wie es eigentlich zustande kommt, dass es eine Lücke gibt zwischen dem Wissen und dem Handeln. Wir können etwas dazu sagen, wie gute Klimakommunikation funktioniert und wie die Klimakrise sich auch auf unsere psychische Gesundheit auswirkt. Deswegen haben wir uns gegründet.

rbbKultur: Zusammen mit anderen Kolleg:innen haben Sie auch das Buch "Climate Action – Psychologie der Klimakrise" geschrieben. Machen sich schon jetzt psychologische Folgen der Klimakrise bemerkbar – und wenn ja, wie?

van Bronswijk: Ja, sehr viele. Es gibt direkte Folgen, so etwas wie eine Traumatisierung durch Extremwetterereignisse, die sich dann in psychischen Erkrankungen niederschlagen kann. Es gibt aber auch indirekte Folgen der Klimakrise. Da geht es von Sorgen um die Zukunft für die eigene oder kommende Generation über psychische Auswirkungen von körperlichen Folgen der Klimakrise, um zunehmende Allergien. Dann geht es um das Thema Krankheitsbewältigung oder auch die kognitive Einschränkung - die Einschränkung der Leistungsfähigkeit und Lebensqualität durch die Hitze.

rbbKultur: Glauben Sie, der Ausgang der Wahl wird jetzt auch noch etwas verstärken können bei den Menschen, die diese Gefahr anhand von Krankheitsbildern, wie Sie sie gerade genannt haben, wirklich spüren? Dadurch, dass die Grünen dann doch nicht so abgeschnitten haben, wie sich das manch eine/r gewünscht hätte?

van Bronswijk: Ich glaube, das fühlt sich für viele schon wie eine Zäsur an. Das Ende der Ära Merkel. Aber wenn man sich vorher mit der Klimapolitik der Parteien und den Wahlprogrammen beschäftigt hat, dann zeigt sich, dass eigentlich keine Partei und auch keine mögliche Koalition bisher einen Paris-konformen Plan hat. Daher ist es jetzt zu keiner großen Veränderung durch den Wahlausgang gekommen. Es bleibt weiter eine große Kraftanstrengung der Zivilbevölkerung und auch der Wirtschaft nötig, um hier die entsprechenden Änderungen einzuläuten.

rbbKultur: Was wird sich diesbezüglich verändern, was wird noch auf uns zukommen - gerade, wenn man die psychischen Realitäten von Menschen in Betracht zieht?

van Bronswijk: Es ist gerade vor der Bundestagswahl eine internationale Studie rausgekommen, die sich damit beschäftigt hat, wie politische Untätigkeit sich auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auswirkt. Da hat sich gezeigt, dass es definitiv einen Zusammenhang gibt zwischen politischer Untätigkeit und der psychischen Belastung. Ich glaube, da muss die Politik auch Verantwortung für die Grundrechte und das Wohlbefinden der Jugend übernehmen und entsprechend handeln.

van Bronswijk: Was sind das für psychologische Bilder, die Sie dazu herausgefunden haben? Wie macht sich das fest bei Kindern und Jugendlichen?

van Bronswijk: Erstmal löst es "nur" unangenehme Gefühle wie Angst, Wut oder Hoffnungslosigkeit aus. Das sind Stressfaktoren, die auch dazu beitragen können, dass, wenn jemand sowieso schon psychisch belastet ist, psychische Erkrankungen ausgelöst werden - zum Beispiel Depressionen, Angsterkrankungen, Somatisierungsstörungen. Dass sich psychische Beschwerden im Körper ausdrücken.

rbbKultur: Wie lässt es sich eigentlich erklären, dass die Angst um unseren Planeten in den Köpfen vieler Menschen doch gar nicht angekommen ist oder nicht greifbar wird und bei den anderen schon? Wovon hängt das ab?

van Bronswijk: Das hat ganz verschiedene Gründe. Das eine ist: welche Werte habe ich eigentlich? Ist mir die Natur oder das Klima überhaupt wichtig ist? Wenn es mir nicht wichtig ist, dann habe ich natürlich auch keinen Handlungsdruck. Dann ist da natürlich auch die Frage, wie ernst ich zum Beispiel Wissenschaft nehme: Weiß ich wirklich, wie ernst die Lage ist? Da spielen die Medien natürlich eine wichtige Rolle, die Ernsthaftigkeit der Lage entsprechend zu kommunizieren. Dann denke ich eigentlich, dass die Politik einen Plan hat und dass die Lage unter Kontrolle ist - oder nicht und ob ich einen Zugang zu meinen Gefühlen habe oder ob ich sie vielleicht eher verdränge, weil ich mich von der Größe des Problems überfordert fühle. Aber auch, ob ich andere Sorgen habe, die gerade Priorität haben, weil die einfach viel akuter sind.

Das Gespräch führte Shelly Kupferberg, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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