Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 40 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
rbbKultur
Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger Download (mp3, 4 MB)

Lust und Frust mit Proust - Sodom und Gomorrha – die Folgen 31 bis 35

In ihrer wöchentlichen Kolumne "Lust und Frust mit Proust" äußert unsere Autorin Doris Anselm heute einen schwerwiegenden Verdacht: Wer diesen Roman verstehen will, benötigt paradoxerweise auch den Mut zum Nicht-Lesen oder Nicht-Hören. Also zur Flüchtigkeit, zum Ignorieren und zur Wissenslücke.

Fremdheit als Chance

Meist wird einem ja gesagt, man hätte es schwerer, ein Werk zu verstehen, wenn man seine zeitgeschichtlichen Referenzen nicht kennt. Aber bei Proust gibt es niederschmetternd viele davon. Da sind Musikstücke, Skandale und Gemälde, Trends auf den Feldern Mode, Möbel, Kulinarik, da sind B-Promis von damals, die man als heute Lesende unmöglich alle kennen kann. Noch überfordernder wird die Sache dadurch, dass ein Teil dieses Materials historisch real ist, ein anderer komplett dem Hirn von Marcel Proust entsprungen und ein dritter liegt irgendwo dazwischen, als Parodie zum Beispiel.

So weit, so wild. Die Literaturwissenschaft reagiert auf solche Materialschlachten traditionell mit Gründlichkeit. Da wird nachrecherchiert und geordnet, was das Zeug hält und das hat schon alles Hand und Fuß.

Vor etwa zwei Monaten konnte auch ich nicht mehr anders, als mir ein sogenanntes "Proust-Handbuch" zu kaufen. Vielleicht, weil ich Geld kriege für diese Kolumne, da spürt man gleich ein ganz anderes Pflichtgefühl. Inzwischen muss ich aber sagen: Kein einziges Mal hat das Nachschlagen in diesem Handbuch wirklich etwas geändert an meinem vorherigen Leseeindruck. Ja, ich war selbst bestürzt darüber. Teilweise bekam ich sogar das Gefühl, die zusätzlichen Infos vernebelten mir etwas, das ich zuvor noch klar vor Augen hatte.

Proust interessiert sich über weite Strecken des Romans für das, was zwischen Menschen vorgeht. Er interessiert sich für Koketterie, für Scham, für Fettnäpfchen, für Grausamkeit, den Wankelmut des Herzens, Aufstiegswillen, Abstiegsangst, Snobismus. Über letzteren sagt er im Roman: "Snobismus wechselt zwar seinen Gegenstand, aber nicht seinen Ton." Und das rührt an den Kern der Sache: Bei Proust geht’s immer um den Ton.

Im aktuellen Abschnitt wird der schüchterne Monsieur Saniette bei einer Dinnerparty fertiggemacht, weil er den Namen des Theaterstücks "La Chercheuse d’esprit" abkürzt und nur erzählt, er sei neulich in der "Chercheuse" gewesen. Im Grunde handelt die Szene davon, wie man seine Zugehörigkeit zu bestimmten Kreisen dadurch beweist, dass man bestimmte Abkürzungen verwendet oder nicht. Grausame Tischgenossen können jemandem wie Saniette einreden, dass er stets grad die falsche Variante erwischt hat. Ein Spielchen, das ich aus der fünften Klasse kenne und bei dem es völlig egal ist, ob die "Spielsteine" Theaterstücke, Jeansmarken oder korrekte Hashtags für Instagram sind.

Wir als Proustlesende müssen auch nicht wissen, ob "La Chercheuse" Tragödie oder Operette war, ob es tatsächlich existierte oder nicht - und wenn doch, in welchem Theater es lief. Steht alles im "Proust-Handbuch" – ignoriere ich aber genauso, wie ich im Roman mir unverständliche Anspielungen auf die griechische Antike überlese. Für mich werden Struktur und Gesamtbild so klarer. Vielleicht ist bescheidene Fremdheit ja eine Chance für ein neues Proustverständnis.

Doris Anselm, rbbKultur

Kolumne

RSS-Feed

Proust lesen

Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
picture alliance / Heritage-Images

Lesekreis - Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Proust hören

RSS-Feed