Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik; © Oliver Betke
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Claudia Kemfert, Klima- und Energie-Ökonomin - "Fossile Energien sind teuer, erneuerbare werden immer billiger"

Was lange Zeit abstrakt schien, ist plötzlich ganz nah: Der Klima-Wandel wirkt sich auf jeden Menschen aus, in Berlin und Brandenburg ebenso wie in Griechenland, den USA, Indien oder China. Wir fragen: Ist die Welt noch zu retten? Und wenn ja, wie? Heute dazu Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Sie gilt als eine der einflussreichsten Klima- und Energie-Ökonominnen Deutschlands.

rbbKultur: Frau Kemfert, Ihr aktuelles Buch heißt "Mondays for Future: Freitag demonstrieren, am Wochenende diskutieren und ab Montag anpacken und umsetzen". Das ist ein sehr treffender und zupackender Titel. Was ist aus Ihrer Sicht als Ökonomin das Dringlichste, das getan werden muss?

Kemfert: In dem Buch gebe ich viele Antworten auf viele Vorschläge, aber aktuell ist der schnellere Ausbau der erneuerbaren Energien am dringendsten. Das Ausbautempo ist viel zu niedrig, wir müssen viel schneller werden – mindestens eine Vervierfachung des aktuellen Ausbautempos ist notwendig. Die Genehmigungsverfahren müssen erleichtert und Marktbarrieren abgebaut werden. Die Liste ist da lang.

Als zweites würde ich nennen, dass wir auch bei der Verkehrswende mehr tun müssen, um die Ladeinfrastruktur auszubauen, den Schienenverkehr und den ÖPNV zu stärken.

Als drittes ist auch der Gebäudesektor wichtig: Hier geht es darum, dass man mehr Energie einspart. Das aufgrund der gerade explodierenden Gaspreise auch Wichtige ist, dass man die Häuser besser dämmt und umstellt auf erneuerbare Energien im weitesten Sinne.

rbbKultur: Die Gegner:innen einer Umstellung auf erneuerbare Energien betonen immer gerne, dass das nicht bezahlbar sei, dass die Wirtschaft leiden würde und Arbeitsplätze verlorengehen. Was entgegen Sie denen?

Kemfert: Eine Nicht-Energiewende ist sehr teuer. Daran, dass die Gaspreise gerade durch die Decke gehen und wir das bezahlen müssen, erkennen wir, dass fossile Energien teuer sind. Die erneuerbaren Energien werden immer billiger.

Ja – wir müssen investieren. Das schafft aber wiederum Arbeitsplätze der Zukunft und Wertschöpfung. Darum muss es gehen. Wir müssen den Strukturwandel klug begleiten: Wir müssen die (Schwer-)Industrie finanziell unterstützen, die auf grünen Wasserstoff umstellen muss. Das sind Investitionen, aber wir wissen, dass sie volkswirtschaftlich lohnend sind.

Und noch einmal: Ein Nicht-Klimaschutz ist teuer – auch zuletzt aufgrund der immer weiter steigenden Kosten und Schäden durch den Klimawandel.

rbbKultur: Ein großes Thema für die Wirtschaft ist der CO2-Handel. Sie bezeichnen ihn schlicht und ergreifend als Murks. Warum?

Kemfert: Grundsätzlich ist ein CO2-Handel durchaus ein sinnvolles Instrument, wenn er gut funktioniert – und das hat er in der Vergangenheit nicht. Erst in jüngster Zeit durch viele Anpassungen sieht man, dass es überhaupt einen steigenden CO2-Preis gibt. Er war lange Jahre so niedrig, dass überhaupt nichts passierte und jetzt ist er etwas gestiegen. Wir brauchen höhere CO2-Preise, damit wir überhaupt eine Lenkungswirkung erzielen – sprich, dass auch investiert wird in klimaschonende Energien, in die Umstellung, in die Dekarbonisation. Dafür war der Emissionshandel bisher nicht sehr hilfreich, das ist er jetzt.

Aber wir brauchen nicht nur einen CO2-Preis, wir brauchen viele Maßnahmen – beispielsweise die finanzielle Förderung der energetischen Gebäudesanierung oder den Ausbau der Ladeinfrastruktur. Die Liste ist lang. Das kann man nicht alles nur mit einem CO2-Handel abdecken.

rbbKultur: Sie haben der Regierung Merkel auch vorgeworfen, dass sie ihre Möglichkeiten beim Klimaschutz nicht genutzt hätte. Die erneuerbaren Energien könnten jetzt schon einen Anteil von 80 Prozent haben. Stattdessen haben wir immer noch – und auch auf lange Sicht – Kohlekraftwerke. Was eine neue Regierung tun müsste, haben Sie schon skizziert. Doch wie realistisch ist es, dass eine neue Regierung die notwendigen Maßnahmen auch umsetzt?

Kemfert: Das steht in den Sternen. Wir wissen im Moment nicht, wie schlagkräftig welche Regierung sein wird. Sicherlich ist es so, wie wir auch im Wahlkampf gesehen haben, dass Klimaschutz eine entscheidende Rolle spielt, dass man Maßnahmen zum Klimaschutz auf die Agenda setzt und dass man sich auch einigen wird. Ob ein vorgezogener notwendiger Kohleausstieg auch kommen wird, wissen wir nicht. Aber was wir wissen, ist dass das Bundesverfassungsgerichtsurteil uns ins Pflichtenheft geschrieben hat, dass wir die Emissionen schneller senken müssen. Auch das Klimaschutzgesetz sieht das vor. Alle Parteien – egal welche - müssen jetzt alles dafür tun, dass die Emissionen rascher sinken, die erneuerbaren Energien schneller ausgebaut werden, der Kohleausstieg früher kommt, die Verkehrswende endlich angeschoben wird …

Das ist ein wirklich langer Maßnahmenkatalog, der verlangt, dass durch diese verschleppte Energiewende jetzt auf einmal alles passieren muss. Da ist die kommende Regierung wirklich gefordert.

Das Gespräch führte Shelly Kupferberg, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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