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Lars Jaeger, Unternehmer und Autor - "Wir waren führend und sind ins Mittelfeld der Klimaschutzländer zurückgefallen"

Der Klima-Wandel wirkt sich auf jeden Menschen weltweit aus, in Berlin und Brandenburg ebenso wie in Griechenland, den USA, Indien oder China. Wir fragen auf rbbKultur: Ist die Welt noch zu retten? Und wenn ja, wie? Heute spricht Anja Herzog mit Lars Jaeger, Unternehmer und Autor des Buches "Wege aus der Klimakatastrophe – Wie eine nachhaltige Energie- und Klimapolitik gelingt".

rbbKultur: Herr Jaeger, Sie haben ein doch recht optimistisches, an manchen Stellen fast schon fröhliches Buch über die Klimakatastrophe geschrieben. Vor allem die Energie steht im Mittelpunkt - ein ganzes Kapitel heißt "Yes we can". Sind Sie zuversichtlich, dass es klappen kann, dass wir es noch rumreißen können mit dem Klima?

Jaeger: Natürlich können wir das noch rumreißen. Es erfordert allerdings eine ganze Menge Aufwand - weit mehr als das, was wir bisher gemacht haben. Ich persönlich glaube, dass es im weitesten Sinne eine Frage der willingness ist – des Willens, das zu tun und eventuell das Geld dafür auszugeben, das notwendig ist. Das ist übrigens weit weniger als die meisten Menschen befürchten. Ja, wir können das ändern. Wir sind aber ein bisschen spät dran. Wir hätten damit schon vor 20, 25 Jahren beginnen sollen. Damals war aber der Konsens innerhalb der Gesellschaft - insbesondere von der konservativen Seite - viel zu gering hinsichtlich des Klimawandels.

rbbKultur: Sie loben in Ihrem Buch durchaus auch die Klimapolitik in Deutschland in den letzten Jahren. Sie erwähnten gerade aber auch, dass wir ziemlich langsam sind. Letztens hat Greta Thunberg bei der großen Klima-Demo in Berlin gesagt, Deutschland sei einer der größten Klimaschurken der Welt. Ist das vielleicht doch zu schwarzmalerisch?

Jaeger: Deutschland hat eine ganz interessante Klimageschichte. Ende des 20. Jahrhunderts, also mit Übernahme der Macht durch rot-grün, hat doch eine sehr dramatische Klimapolitik eingesetzt. Man muss die damalige rot-grüne Koalition loben, die Deutschland sehr aktiv vorangetrieben hat. Übrigens stammt auch der Atomausstieg von damals, wurde dann wieder zurückgesetzt von Angela Merkel. Wir haben in Deutschland also bereits starke, große und mutige Schritte gesehen. Deutschland war damals absolut führend. Aber man muss leider sagen, dass wir mit den 16 Jahren der Regierung Merkel stehengeblieben sind. Wir sind ins Mittelfeld der Klimaschutzländer zurückgefallen.

Wir sind jetzt wieder in der Situation, wo wir sagen müssen: wir haben das eigentlich alles schon gemacht. Wir haben es eigentlich schon mal umgesetzt bzw. umsetzen wollen. Wir haben die Initiative ergriffen. Das sollten wir jetzt noch einmal tun - auf einer viel größeren Skala.

rbbKultur: Ein Argument ist immer das Geld. Sie selbst betrachten die Energiepolitik durchaus mit den Augen eines Finanzexperten. Oft wird als Hinderungsgrund für eine Umstellung auf zum Beispiel erneuerbare Energien gesagt, dass das alles viel zu teuer sei. Wie sehen Sie das?

Jaeger: Das ist ein klassisches Argument der Gegner. Natürlich kostet das etwas, aber es kostet weit, weit weniger als sie denken. Und wenn ich es explizit vorrechne, kostet es auch weit weniger, als wenn wir bleiben, wo wir sind. Das wird nämlich auch massiv teurer: Ölindustrie und so weiter. Ich glaube de facto, wenn wir die Rechnung ganz fair machen, sind wir mit den neuen regenerativen Energien, die wir umsetzen, auch ökonomisch wesentlich besser dran, als wenn wir unser Energiesystem so belassen wie es ist. Aber das tun wir ja sowieso nicht. Wir belassen unser Energiesystem nicht. Wir sind schon im Prozess. Nur muss er noch ein bisschen beschleunigt werden.

rbbKultur: Würden Sie jetzt darauf hoffen, dass noch neue Techniken erforscht werden, dass noch Neues kommt? Oder haben wir eigentlich alle Werkzeuge an der Hand und müssen jetzt "nur noch machen"?

Jaeger: Ja, wir haben bereits die mögliche Technologie, die Energiewende komplett umzusetzen. Das ist möglich. Es erfordert vielleicht noch einzelne technologische Umsetzungen, gerade auch im gesamteuropäischen Kontext, weil nicht immer die gleichen Energieformen - Wind und Wasser - existieren, aber es gibt tatsächlich zusätzlich noch mögliche Zukunftstechnologien, die alles auf den Kopf werfen bzw. uns endgültig wieder auf die Beine stellen.

Da ist zunächst einmal die Kernfusionstechnologie. Da läuft im Moment etwas Spannendes ab. Ich habe persönlich mit vielen Kernfusionsforschern gesprochen, die eher im Privatbereich arbeiten. Im öffentlichen Bereich wissen wir, dass ITER (Anm. d. Red.: ein Versuchs-Kernfusionsreaktor und internationales Forschungsprojekt mit dem Fernziel der Stromerzeugung aus Fusionsenergie) demnächst anfängt zu laufen.

Kernfusionsforschung ist potenziell etwas, das uns sehr helfen würde - und zwar quasi Umwelt frei, anders als die Kernfission, also die Kernenergie, die wir jetzt haben. Kernfusion ist eine sehr effiziente Möglichkeit, Energie ohne Umweltschäden herzustellen.

Es gibt zum Beispiel Möglichkeiten, Batterien noch viel effizienter zu machen. Nicht nur einfach mit einem Wirkungsgrad von 20, 25 Prozent, wo wir jetzt gerade sind. (…) Das kann man noch dramatisch erhöhen. Wahrscheinlich braucht man dafür Quanteneffekte. Dazu gibt es auch bereits Überlegungen und eine sehr aktive Forschung. Das ist sehr spannend.

Aber noch einmal: Wir haben bereits die Technologien, dies umzusetzen, und die Zukunft bringt uns noch mehr Möglichkeiten.

rbbKultur: Ihre Lösungsvorschläge nennen Sie im Epilog Ihres Buches ein "modernes Märchen". Wie könnte dieses Märchen so schnell wie möglich wahr werden?

Jaeger: Wie die neuen Technologieformen dann umgesetzt werden, kann man natürlich so leicht nicht steuern. Da gibt es noch eine aktive (Energie-)Forschung. Ich rechne zum Beispiel damit, dass wir in zehn, fünfzehn Jahren Kernfusionsreaktoren haben, die völlig harmlos und nicht so gefährlich wie die jetzt bestehenden Kernreaktoren sind. Gerade viele private Forschungsinstitute sind da schon überraschend weit.

Aber andere Sachen können früher kommen: Eine effizientere Batterienverarbeitung. Batterien werden immer effizienter, weil man es braucht. Man kann nicht mit 20 Prozent eine Batterie energieeffizient benutzen. Aber ab 30, 40 Prozent lohnt sich das schon sehr stark – und da kommen wir in ein paar Jahren vielleicht schon hin. Da ist die Forschung sehr aktiv.

Das Gespräch führte Anja Herzog, rbbKultur. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das Gespräch in voller Länge können Sie als Audio nachhören.

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