Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 42 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Sodom und Gomorrha – die Folgen 41 bis 45

Unsere Proust-Kolumnistin Doris Anselm freut sich diese Woche über lustvollen Verkehr: Der Erzähler vergnügt sich in seinem ersten Automobil. Und das verrät mehr über Beziehungsmodelle, als der Verkehrskalauer ahnen lässt.

Liebe ohne Gleis und Bahnhof

Wir werden jetzt der Eisenbahn untreu - und mit ihr den Bahnhöfen, "diesen Wohnungen, in denen niemand wohnt“, wie der Erzähler sagt. Er mietet ein Auto. Sein erstes. Was das bedeutet, wird ihm klar, als - Zitat: "der Wagen in einem Ruck zwanzig Schritte eines ausgezeichneten Pferdes zurücklegte."

Hoppla! Die schnellere Bewegung formt gleich die ganze Landschaft um, erzählt er: "Die alten bäuerlichen Häuser von Montsurvent eilten, ihren Rebstock oder ihre Rosenspaliere fest an sich gepresst, herbei; stärker bewegt, als wenn der Abendwind sich erhob, liefen die Tannen von La Raspelière nach allen Seiten davon, um uns aus dem Wege zu gehen […]."

Plötzlich sind Orte für einen schnellen Besuch verfügbar, zu denen der junge Mann früher auf komplizierte, langwierige Art mit der Kutsche gebracht wurde und die ihm ganz entrückt erschienen waren, schwer zu haben, mystisch fast. "Dem Automobil jedoch hält kein Geheimnis stand", vermerkt er resigniert.

Vielleicht etwas zu viel der Ehre für das Auto. Sagen wir mal: Der Verfügbarkeit hält kein Geheimnis stand. Prompt wird der junge Erzähler auch seiner Freundin Albertine kurz etwas überdrüssig, nachdem auf den Spazierfahrten ein paar Mal zu oft das Verdeck geschlossen wurde und der Verkehr nicht vor der Windschutzscheibe halt machte. Die schön geschriebene Sexszene im sommerheißen Auto, wo der Apfelcidre schon beim Öffnen übersprudelt (man kennt das) ist leider nur kurz.

Länger philosophiert der Erzähler darüber, dass Entfernungen, auch wenn wir sie in Kilometern ausdrücken, eigentlich vor allem den Aufwand bezeichnen, den wir treiben müssen, um wohin zu kommen. Wenn dieser Aufwand sich verringert, gerät das ganze Maßeinheits-System erst einmal aus den Fugen.

Soso. Überträgt man das mit Blick auf die Sexszene auf heute, könnte man sagen: Die Eisenbahn mit ihren festen Gleisen und den staatstragend offiziellen Bahnhöfen, das ist die klassische Ehe-Monogamie mit all ihren Regeln. Die Pferdekutsche steht für das Romantik-Narrativ (tut sie ja sogar heute noch), eine so unwegsame wie geheimnisvolle Welt. Aber das Autofahren, zur Proust-Zeit noch leicht exaltiert, elitär und anarchisch zugleich, dieses Jederzeit-überall-abbiegen-Können, das ist offene Beziehung, Verhandlungsmoral, "ethical sluttery" und so weiter.

Nach einer Weile ist der Erzähler dann doch bis tief in seine Seele überzeugt von der neuen Mobilität. Da heißt Autofahren dann für ihn: "mit verliebt sich vortastender Hand und in feinster Präzision der wahren Geometrie, dem schönen Maß der Erde nachzuspüren.“

Tja, Erotik, Freiheit und Erkenntnis gehören wohl doch eigentlich zusammen. Verkehrsmittel und Beziehungen ändern sich aber immer weiter. Ganz schön aufreibend. Also verständlich, dass unser Erzähler in diesem Abschnitt in Tränen ausbricht, als er, kaum hat er das Auto kapiert, am Himmel schon das erste Flugzeug seines Lebens sieht.

Doris Anselm, rbbKultur

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