Emeka Ogboh; © Jean Picon
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Ausstellung im Gropius Bau - Der Künstler Emeka Ogboh und seine "Ámà"-Installation

Er war mit seinen Arbeiten auf der Documenta vertreten, auf der Biennale von Venedig, in zahlreichen Museen weltweit. Jetzt hat Emeka Ogboh im Lichthof des Berliner Gropius Baus einen Dorfplatz inszeniert: "Ámà – The Gathering Place". Der Künstler tritt dort auch als DJ auf und hat zu "Ámà" ein Bier gebraut, mit afrikanischen Gewürzen. Andrea Handels hat den in Berliner lebenden nigerianischen Künstler getroffen.

Ein hoher künstlicher Baum, mit rot-orangenem Stoff überzogen, reckt seine Äste Richtung Glasdach, am Boden drumherum an die 40 Sitzwürfel, eingekleidet mit verschiedenen afrikanischen Mustern. Aus zwölf Lautsprechern erklingen traditionelle Gesänge aus Nigeria, von den Igbo, einzeln aufgenommen und zu einem mehrstimmigen Chor zusammengemixt von Emeka Ogboh für seine Ámà Installation.

Emeka Ogboh: "Ama in Igbo means village square ..." (Übersetzung der Red.: "Ama bedeutet auf Ibu Dorfplatz – das ist ein Gemeinschaftsort, an dem soziale, politische und kulturelle Aktivitäten stattfinden. Und genau das möchte ich hier auch installieren.")

Craft Beer mit Gewürzen für den Dorfplatz

Emeka Ogboh ist 44 Jahre alt und er stammt nicht aus einem Dorf mit Dorfplatz, sondern aus der nigerianischen Stadt Enugu. 2014 kam er mit einem DAAD Stipendium nach Berlin und blieb. "I fell in love with Berlin and Berlin is also for the kind of work I do, my main fokus is sound, and Berlin is one of those cities where you find a lot of artists and technicians working on sound and sound art“. ("Ich habe mich in Berlin verliebt und – mein Hauptfokus liegt ja auf Klangkunst - Berlin ist auch eine der Städte mit den meisten Sound- und Klangkunstkünstlern und Technikern.“)

Ein Beispiel für die Klangkunst von Emeka Ogboh mit dem Titel "Everydaywehustlin", was so viel heißt wie "Jeden Tag kämpfen wir uns durch" - ein Mix aus Großstadtgeräuschen und Beats. Im Gropius Bau wird Emeka Ogboh auch als DJ auftreten. Und: er hat zu Ámà auch ein Bier und ein Menü kreiiert.

Es ist nicht das erste Bier, das er unter anderem mit afrikanischen Gewürzen bereichert. Gerade beim Bier, findet er, stellen sich mehr als nur Geschmacksfragen: "Reinheitsgebot is a German law..." ("Das Reinheitsgebot ist das deutsche Gesetz, das besagt, dass man Bier nur auf eine bestimmte Weise und mit bestimmten Zutaten herstellen darf. Und indem ich versuche, andere Geschmacksrichtungen hineinzubringen, versuche ich auch die Einschränkungen durch das Reinheitsgebot genauer zu untersuchen, einen politischen Standpunkt einzunehmen: Was ist Reinheit? Was ist ein reiner Deutscher? Was ist ein reiner Europäer? Was bedeutet das? Für die, die deutsch sind, aber nicht wie typische Deutsche aussehen? Also indem ich dieses Craft Beer außerhalb dieses Reinheitsgebotes mache, schaue ich auch auf die ganze politische Situation.“)

Eine Soundinstallation für das Humboldt Forum

Als politischen Beitrag sieht er auch seine Soundinstallation, mit der er ab Dezember einen Teil der Terrasse des Humboldt Forums beschallen wird. Mit der Installation will er einen kritischen Blick auf die Kolonialgeschichte und ihre destabilisierende Langzeitwirkung auf die Igbo-Kultur werfen: "The Humboldt Forum appears as an imperialistic structure (...)" ("Das Humboldt Forum erscheint als imperialistische Struktur, die als ein Feiern der imperialistischen deutschen Vergangenheit gesehen werden kann. Darum geht es in meinem kritischen Stück. Ich denke, wir sollten unsere Energie auf die Zukunft richten, wie geht es weiter, wie kann das Humboldt Forum zu einem Ort für alle werden. Viele Leute haben Kritik daran, aber wir Künstler müssen hineingehen und uns engagieren und das will ich tun und so in der Lage sein, etwas zu ändern.“)

Fragen von Identität, kulturellem Austausch und Verschmelzung verschiedener Kulturen beschäftigten Emeka Ogboh schon als er 2015 die deutsche Nationalhymne, in verschiedenen afrikanischen Sprachen gesungen, zur Kunstbiennale von Venedig brachte. Wo geht die Reise hin? Welche neuen Identitäten wird die Zukunft hervorbringen? Ein zentrales Thema für diesen überaus spannenden Künstler. "This is one thing I find interesting when politicians start talking about... " ("Ich finde es interessant, wenn Politiker anfangen darüber zu reden, dass sie nicht wollen, dass ihre Kultur durch Fremde verschmutzt oder vermischt wird. Was ist denn eine authentische Kultur? Man sollte offen sein für Fusion. Wo treffen sich zwei Kulturen, was kommt dabei Neues heraus? Das interessiert mich.“)

Andrea Handels, rbbKultur

Gropius Bau: "Ámà"-Installation von Emeka Ogboh; © Andrea Handels
Bild: Andrea Handels

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