Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 43 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Lust und Frust mit Proust - Sodom und Gomorrha – die Folgen 46 bis 50

Zu unserer Lesung von Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" gibt es jetzt wieder unsere wöchentliche Mitlese-Kolumne "Lust und Frust mit Proust". Autorin Doris Anselm klopft diesmal die allzu menschlichen Beschäftigungen Lüge, Täuschung und Intrige auf ihr nützliches Potenzial für die Gesundheit ab.

Belebende Lügen

Einmal am Tag etwas Verbotenes tun, stärkt den Kreislauf und erfrischt den Teint. Hab’ ich vor langer Zeit aufgeschnappt, funktioniert immer noch eins A. Wegen Proust überleg’ ich jetzt, ob ich mein Wellnesstraining erweitern sollte: auf sportliche Lügengebäude, Intrigen und hausgemachtes Drama.

Ich nehme mir ein Beispiel an Baron de Charlus, einem meiner Lieblingscharaktere. Der findet aktuell, dass er nicht genug Aufmerksamkeit von seinem jungen Geliebten bekommt. Also dichtet er sich kurzerhand selbst ein Duell an. Auf Leben und Tod müsse er sich schon am nächsten Tag schlagen, schreibt er dem jungen Mann. Und wie geplant eilt der Lover herbei, um ihn tränenreich davon abzubringen.

Ziel erreicht, könnte man sagen. Doch der tiefere Sinn des erfundenen Duells liegt ganz woanders. Das wird klar, als plötzlich ein Sekundant auftaucht. Ja, in echt! Charlus hatte sich von seiner eigenen Erfindung nämlich derart mitreißen lassen, dass er sich für das fiktive Duell reale Verstärkung organisiert hat.

Der alternde Baron fühlt sich zusehends jünger und im Grunde müsste er sich eingestehen, dass, Zitat: "eine gewisse Kampfeslust […] ihn bei dem Gedanken, sich zu schlagen, in solche Beschwingtheit versetzte, dass er auf dieses […] Duell nur mit Bedauern verzichtet hätte.“

Ging mir beim Lesen auch so. Die Szene eskaliert noch weiter und bringt richtig schön den Puls hoch. Sehr gesund. Man kann schon sagen, dass der Autor Marcel Proust vernarrt ist in die Lüge. In Selbst- und Fremdtäuschung und in fadenscheinige Ausflüchte. Wahrscheinlich auch, weil man damit viel Komik erzeugt.

Als Charlus’ Liebhaber mal wieder genug von ihm hat und behauptet, er hätte keine Zeit, fällt ihm kein besserer fiktiver Konkurrenztermin ein als – ein Abendkurs für Algebra. Wohl gemerkt: Der Mann ist Geigenspieler von Beruf.

Kein Wunder, dass sein Boyfriend misstrauisch wird und sich der folgende Dialog entspinnt:

"Er könne doch vielleicht noch hinterher zu Monsieur de Charlus kommen? – Oh! Das sei ganz ausgeschlossen, die Kurse zögen sich oft sehr lange hin. – 'Bis über zwei Uhr morgens hinaus?', fragte der Baron. – 'Manchmal.' – 'Aber Algebra kann man doch leicht aus einem Buch erlernen.' – 'sogar leichter, denn in dem Kurs komme ich nicht sehr gut mit.‘", verheddert sich der junge Mann in seiner eigenen Story.

Großartig. Der alte Baron täuscht sich auch gern selbst darüber, was andere von ihm denken, und oft ist das eine Gnade für ihn. Wenn ich mal alles zusammennehme, was ich bisher über Prousts Figurenpsychologie weiß, könnte man das auf die Formel bringen: Die Täuschung ist immer noch besser als die Enttäuschung.

Doris Anselm, rbbKultur

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