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Der Feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Pinkwashing im Parlament

Das Gruppenfoto des neuen Bundestagspräsidiums ist schon bemerkenswert: fünf Frauen und ein Mann werden dem Parlament vorsitzen. Das ist ein Trick, der schon lange gut funktioniert, meint Heide Oestreich: "Pinkwashing" nennt man ihn.

So, als Ersatz für eine Frau als Kanzlerin haben wir diese Woche immerhin fünf Frauen im Bundestagspräsidium bekommen, mit Bärbel Bas von der SPD als Präsidentin vorne dran. Daran erkennt man, dass der Bundestag ein Prinzip nun langsam wirklich verinnerlicht hat: Die wenigen Frauen, die man hat, schön ins Licht rücken – dann kann man Forderungen nach wirklichen Veränderungen nämlich leichter abweisen, weil: So schlimm ist es doch gar nicht!

Tröstlicherweise gibt es immerhin ein Wort dafür: "Pinkwashing". Das ist, wenn man sich nach außen schön bunt einfärbt, damit nicht so auffällt, dass man innen ziemlich monochrom aussieht.

Eine Steigerung um ganze drei Prozent!

Die CDU ist damit glänzend gefahren: Eine Kanzlerin, da braucht man doch keine Quote mehr! Guckte man hinter die Fassade bunter Blazer, dann entfärbte sich das Bild radikal: Im Bundestag hatte die Unionsfraktion knapp 20 Prozent Frauen aufzubieten – dieses Mal hat man sich übrigens um ganze drei Prozentpunkte gesteigert!

In unionsgeführten Ministerien verloren sich magere 16 Prozent Frauen unter den Staatssekretären. Sie erinnern sich vielleicht an das lustige Foto aus Horst Seehofers Heimatministerium, das stark an einen Männergesangsverein erinnerte. Aber man hatte ja die Kanzlerin – gern und oft in Pink, das leuchtet so schön.

Der Durchschnittsparlamentarier ist männlich, weiß und Akademiker

Und heute? Der Bundestag war noch nie so weiblich und divers, so hieß es am Dienstag, als er zum ersten Mal zusammenkam. De fakto ist der Durchschnittsparlamentarier männlich, weiß und Akademiker, wie der Spiegel dankenswerterweise ausgerechnet hat. Menschen mit Migrationsgeschichte bleiben krass unterrepräsentiert – und dass man über 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts über einen Frauenanteil von 34 Prozent jubelt, kann man wohl unter "kognitiver Verzerrung" abspeichern.

Und deshalb fällt mir beim Foto des weiblichen Bundestagspräsidiums eben nur das Wort "Pinkwashing" ein: Das machen in Unternehmen gern die Marketingleute: Sie entwerfen Broschüren mit Fotos diversester Personen, während die Führungsetage exakt so aussieht wie der Durchschnitt im Bundestag: männlich, weiß, akademisch.

"Präsidium in Pink"

Das Mittel dagegen ist ganz einfach: Es heißt: Parität. Die Kandidaturen für den Bundestag müssten dann zur Hälfte mit Frauen besetzt werden. Tja, und hier genau schließt sich der patriarchale Kreis: so lange nur ein Drittel des Bundestags weiblich ist, kriegt man für die Parität eher keine Mehrheit.

Aber in der Tagesschau, da wird es hinter dem Rednerpult des Bundestages immer hervorleuchten: Unser Präsidium in Pink. Das ist doch auch schön!

Heide Oestreich, rbbKultur

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Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.