Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 44 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Lust und Frust mit Proust - Sodom und Gomorrha – die Folgen 51 bis 55

Viele Themen von Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" sind auch für die interessant, die nicht mitlesen oder -hören. Unsere Proust-Kolumnistin Doris Anselm pickt jede Woche eins heraus. Diesmal die große Frage, ob sich das mit dem "Erwachsensein" vielleicht irgendwie rückgängig machen lässt.

Contre la normalité

Dieser Autor ist parteiisch. Bereits vor mehreren Bänden hat er postuliert, dass "die Großen Meisterwerke […] weniger enttäuschend [sind] als unser Dasein, weil sie uns nicht am Anfang das Beste geben, was sie zu bieten haben."

Marcel Proust ist ein Verfechter der Kindheit. Und der großen Meisterwerke. Witzigerweise kann sein eigenes, oft so verehrtes Buch nach seiner eben zitierten Behauptung eigentlich kein Meisterwerk sein. Denn bisher kommt es mir stark so vor, als ob dieser Roman uns am Anfang das Beste gegeben hat, was er zu bieten hatte. Alle archetypischen Bilder, alle bösen Vorahnungen, Schönheiten und Geheimnisse hat Proust in den ersten Bänden angelegt und jetzt werden sie nur noch bestätigt, variiert, entzaubert und zerstört.

Natürlich nimmt bei jeder Wiederholung die Intensität ab. Nichts ist mehr ganz so krass und herzzerreißend. Auch beim Lesen nicht. Woran erinnert uns das? Logisch: Ans Erwachsenwerden. Ich hab’ mal gehört, dass das Gefühl, die Zeit würde immer schneller vergehen, je älter wir werden, entsteht, weil unser Gehirn sich Wiederkehrendes nicht mehr so ausführlich merkt wie Neues. Das spart Energie, sorgt aber auch für diese grausige Empfindung von - haha: "verlorener Zeit".

Eine populärtherapeutische Taktik dagegen lautet wohl: Öfter mal was völlig Ungewohntes machen. Aber Marcel Proust war ja kein Therapeut, sondern Autor. Sein Job ist also nicht in erster Linie, dabei zu helfen, dass wir uns besser fühlen, sondern dass wir uns besser verstehen. Oder so ähnlich. Er tut das beispielsweise, indem er beschreibt, wie unser fast erwachsener Erzähler nun alle Leute und jede Bahnstation in der Umgebung seines Kurorts kennt – und darunter leidet. Zitat:

"So hatten nicht nur die Ortsnamen ihr anfängliches Geheimnis verloren, sondern auch die Orte selbst. […] Doncières! Wieviel war da in diesem Namen für mich noch lange Zeit […] von den angenehm frostklingenden Straßen […] geblieben. Jetzt war es nur noch die Station, in der Morel zustieg […].“"

Tjaja. Ein Absturz ins Normale, dieses Leben. Und das Geplapper in zerschrammten Zugabteilen ist eine tolle Metapher für die Ödnisse des Erwachsenendaseins. Allerdings fühlt sich der ganze Romanteil gerade so für mich an. Proust behauptet die Entwicklung des Erzählers nicht, er lässt sie uns erleben. Das Langweilen seiner Leserschaft ist reine Absicht, glaub’ ich hier.

Also vielleicht doch Meisterwerk? Mutig auf jeden Fall. Zum Glück für uns baut der junge Mann im Buch aber schon seine eigene Abwehrtaktik gegen die Normalität auf. Vermutung von mir: Im nächsten Band wird er die vordergründig sehr erwachsene Entscheidung, zu heiraten, gekonnt in Richtung Drama schubsen. Man muss sich nur die falsche Frau aussuchen und Stalking in der Ehe praktizieren, schon wird das Leben wieder spannend.

Doris Anselm, rbbKultur

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Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

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