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Oekom-Verlagsleiter Jacob Radloff - "Um Nachhaltigkeit in einem Verlag zu etablieren, muss man eingetretene Pfade verlassen"

Dem Oekom-Verlag war das Thema Nachhaltigkeit von Anfang an inhaltlich wie auch produktionstechnisch wichtig. Das Ziel: den ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Und immer mehr Verlage wollen nachziehen. Recyclingpapier, mineralölfreie Druckfarben, keine Plastikfolien-Verpackung mehr, Bio-Essen für die Mitarbeiter:innen - über Nachhaltigkeit in der Buchbranche sprechen wir mit dem Leiter des Oekom-Verlags, Jacob Radloff.

rbbKultur: Herr Radloff, auf der Frankfurter Buchmesse wurde in diesem Jahr viel über Nachhaltigkeit gesprochen. Ihr Verlag, der Oekom Verlag, wirtschaftet schon seit vielen Jahren nachhaltig. Andere Verlage wollen jetzt nachziehen. Wie einfach beziehungsweise wie schwierig ist ein solcher Umbau?

Radloff: Ja, das ist schon eine große Herausforderung für alle - vor allem für die, die jetzt einsteigen wollen und bislang die alten Pfade begangen haben. Es geht doch auch sehr viel um das eigentliche Geschäft und man muss diese eingetretenen Pfade jetzt verlassen. Wir haben vor vielen, vielen Jahren angefangen und uns an allen Ecken und Kanten den Kopf angestoßen. Diese Erfahrungen können wir jetzt auch an andere weitergeben.

rbbKultur: Sie haben Nachhaltigkeit nicht nur in Ihrem Verlag etabliert, auch die Themen in Ihrem Verlagsprogramm sind der Nachhaltigkeit, der Transformation, dem Umbau und dem Klima gewidmet. Was bedeutet nachhaltiges Wirtschaften für einen Verlag denn genau? Was gehört alles dazu?

Radloff: Dazu gehört vor allem eine klimaschonende Produktion. Wir verwenden überwiegend Recyclingpapier, wir drucken mit mineralölfreien Druckfarben und wir lassen seit mehreren Jahren die Verpackung aus Plastikfolie weg. Das sind alles Dinge, die sehr wichtig sind – im Kern liegt aber die Papierproduktion, weil diese am meisten Auswirkungen auf Klima und Nachhaltigkeit hat.

rbbKultur: Auch die Arbeitsstrukturen spielen bei Ihnen eine Rolle. Wie kann man in einem Verlag möglichst klimaneutral arbeiten?

Radloff: Da gibt es eine ganze Menge Möglichkeiten. Wir haben schon vor vielen Jahren auf Ökostrom umgestellt. Bei uns im Verlag gibt es Bio-Essen. Alle unsere Arbeitnehmer:innen kommen mit öffentlichen Verkehrsmitteln in den Verlag, wir benutzen auch hier Recyclingpapier und so weiter ... Das sind alles Stellschrauben, mit denen man den Verlagsalltag nachhaltiger machen kann.

rbbKultur: Wie sehr wundert es Sie, dass das starke Interesse der Verlage an nachhaltigem Wirtschaften erst jetzt kommt?

Radloff: Ich denke, es hat zwei Seiten. Auf der einen Seite waren es nicht nur wir, die Bücher zu nachhaltigem Wirtschaften veröffentlicht haben. Aber anscheinend gibt es - wie bei allen uns allen im täglichen Leben - einfach eine gewisse Spaltung: Das, was man tut, stimmt nicht unbedingt mit dem überein, was man redet. Jetzt habe ich aber das Gefühl, dass das bei den Verlagen so weit angekommen ist: Dass sie selber verantwortlich sind und nicht nur Inhalte zu dem Thema publizieren, sondern auch ihr eigenes Handeln hinterfragen müssen.

rbbKultur: Was ist denn mit nachhaltigem Wirtschaften von Verlagen für die Umwelt und fürs Klima gewonnen?

Radloff: Sehr viel. Zum Beispiel beim Papier: In der Bundesrepublik werden 7,5 Millionen Tonnen grafische Papiere hergestellt, ein Großteil stammt aus Primärwäldern. Die Papierindustrie ist der drittgrößte Energieverbraucher in Deutschland, und das Drucken von Büchern verschluckt große Mengen an Energie und Wasser. Auch die Emissionen durch Lösemittel bei den Druckern hat eine große Relevanz. Das ist doch ein sehr bedeutender Faktor, auch innerhalb der Wirtschaft insgesamt in Deutschland.

rbbKultur: Da könnte man denken, dass digitales Lesen die Lösung wäre. Ist das denn so?

Radloff: So einfach ist es leider nicht. Auch bei der digitalen Nutzung von Geräten wird sehr viel Energie verbraucht wird, die dann dort zu Buche schlägt. Man geht davon aus, dass zum Beispiel auf den Lesegeräten mehrere 100 Bücher gelesen werden müssen, damit sich das im Verhältnis zum Papierbuch weniger klimaschädlich auswirkt.

Das Gespräch führte Shelly Kupferberg, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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