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Der Feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Entmutigungen

In unserer Kolumne "Der Feine Unterschied" geht es heute um Entmutigungen. Und zwar um solche, die wir gar nicht so richtig mitbekommen. Die aber insgesamt eine große Wirkung haben. Gestern ist eine große Studie zu Frauen in der Politik erschienen, von der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft. Ein Viertel aller befragten Politikerinnen hat danach den Eindruck, generell als Frau weniger ernst genommen zu werden, ganze 40 Prozent sind schon sexuell belästigt worden – und all das hat Folgen, meint Heide Oestreich.

"Ach, nee, das tu' ich mir nicht an." Das ist der Satz, den Parteivertreter:innen häufig hören, wenn sie weiblichen Nachwuchs gewinnen wollen. Politik ist eben ein hartes Geschäft, das eher Männer zu reizen scheint, denkt man dann. Und so bestehen unsere Volksvertretungen eben vor allem aus einer Hälfte des Volkes. Das sind wir so gewohnt, deshalb finden wir das oft gar nicht so schlimm. Wenn die Frauen doch nicht wollen – was soll man machen?

Der Herrenclub in der Politik lebt unterschwellig immer noch

Aber da gibt es noch eine zweite Ebene, jenseits von männlichem Paviangehabe, das Frauen in der Politik oft auf den Keks geht. Was die Politikerinnen in der Studie der Europäischen Akademie berichten, sind Geschichten der permanenten Entmutigung.

Unsere politische Kultur ist durchsetzt von Sexismus - in allen Varianten. Man gewinnt den Eindruck, dass der Herrenclub in der Politik immer noch unterschwellig lebt - und das gar nicht mal nur in den konservativen Parteien. Und als habe dieser Club Frauen nicht zugelassen, weil er erkannt hat, dass da etwas nicht stimmt. Sondern einzig und allein, weil er ohne Frauen schlecht aussieht. Und als habe er sich dann eben eine variable Menge von Frauen angeklebt - wie Deko. Und so behandelt er sie dann auch. Und obwohl sich in der Realität zig Frauen hier durchgebissen und längst bewiesen haben, Kanzlerin, Ministerinnen – diese Fantasie vom Herrenclub schwingt immer irgendwo mit.

Der Geräuschpegel im Plenum steigt an, wenn eine Frau ans Rednerpult tritt

So beschreiben Bundestagsabgeordnete, wie der Geräuschpegel im Plenum ansteigt, wenn eine Frau ans Rednerpult tritt. Wie Männer dann zum Handy greifen, quatschen oder auch lesen – und das Ganze wieder einstellen, wenn der nächste Mann dran ist.

In einem Fernsehbeitrag zu der Studie ist die Reporterin live dabei, wie ein Stadtrat seiner Kollegin kurz vor ihrem Auftritt per SMS mitteilt, wie er ihr Outfit heute findet. Das mache er immer, sagt sie dazu – und nein, es gefalle ihr nicht.

40 Prozent der Politikerinnen berichten in dieser Studie von sexueller Belästigung. Nicht auf der Straße. Sondern von unseren männlichen Volksvertretern. Und was ist sexuelle Belästigung anderes als die Missachtung einer Person? Natürlich nur aus Versehen, war ja gar nicht so gemeint.

Frauen leben stets unter der Drohung, verniedlicht, banalisiert, belächelt und belästigt zu werden

Sie beschweren sich nicht, die Politikerinnen. Sie brauchen ja die Unterstützung dieses Clubs. Aber vielleicht haben sie halt irgendwann keine Lust mehr auf Politik. Und das ist schon ein Problem. Und deshalb hilft es auch wenig, wenn man sagt: Tjaja, Politik ist halt ein hartes Geschäft – für alle. Stimmt.

Laut der Studie erklären zum Beispiel gleich viele Männer wie Frauen, dass sie in den Sozialen Medien persönlich diffamiert werden. Und wie hart werden auch Männer in der Politik ausgebremst und abgesägt. Der Unterschied besteht darin, dass Frauen stets unter der Drohung leben, verniedlicht, banalisiert, belächelt und belästigt zu werden, und zwar bevor sie überhaupt zum ersten Mal den Mund aufgemacht haben. Und danach wieder. Und wieder.

Und solange wir diesen unterschwelligen Sexismus nicht rauskriegen aus der Politik und aus der Öffentlichkeit, kann ich jede gut verstehen, die sagt: "Ach nee, das tu' ich mir nicht an."

Heide Oestreich, rbbKultur

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