Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 45 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Marcel Proust | Kolumne - Sodom und Gomorrha (56) und Die Gefangene (1 - 4)

Jeden Montag gibt es unsere wöchentliche Kolumne "Lust und Frust mit Proust". Lust, Frust … aber was ist eigentlich mit "Liebe"? Um die geht es im frisch begonnenen Romanteil "Die Gefangene" angeblich. Unsere Kolumnistin Doris Anselm findet allerdings: für das, was da so abgeht, würde ein anderer Ausdruck besser passen.
 
 

It´s just a little crush

Jedes Mal, wenn der Erzähler im Roman behauptet, er "liebe" eine Frau, liebe sie nicht mehr, liebe sie doch wieder …, denke ich: Nein, Schätzchen, was du da hast, ist ein Crush.

Schade, dass es diesen Anglizismus zu Prousts Zeiten wohl noch nicht gab. In ihm steckt schon etymologisch das Zermalmende (to crush someone), das diese Spezies heftiger Verknalltheit haben kann. Aber ein Crush braucht Distanz, Fantasie; oft hat er mehr mit einem selbst zu tun als mit der Zielperson.

Beim Proustlesen für diese Woche nun bin ich auf eine Stelle gestoßen, an der der Autor seinen Erzähler genau das mit viel Selbsterkenntnis sagen lässt. All die von ihm verehrten Frauen, wird ihm klar: "hatten eher die Eigenschaft, meine Liebe zu wecken und aufs äußerste zu steigern, als dass sie davon ein Abbild gewesen wären. […] Man hätte meinen können, eine Kraft, die eigentlich in keiner Beziehung zu ihnen stand, sei ihnen von der Natur nachträglich hinzugesetzt worden […]. Wie durch elektrischen Strom, wenn er den Körper trifft, bin ich von Liebe zu ihnen geschüttelt worden, habe ich sie erlebt und verspürt; doch niemals bin ich dazu gelangt, sie sehen und denken zu können.“

Gefahr erkannt – aber leider kommt auch der Autor hinter dem Erzähler nicht auf die Idee, dass "Liebe" hier einfach das falsche Wort sein könnte, auch sprachlich-literarisch.

Naja, dafür dürfen wir miterleben, was passiert, wenn man es für eine gute Idee hält, mit seinem Crush zusammenzuziehen.

Die hübsche Albertine pfeift morgens im Bad gern ein Liedchen und der Erzähler mansplaint sich die eigene Genervtheit mit dem herablassend-doppelgesichtigen Satz weg: "Ich liebte sie zu sehr, um nicht über ihren schlechten musikalischen Geschmack unbeschwert zu lächeln.“

M-hm, alles totaaal unbeschwert. Wenige Seiten später heißt es dann schon, er liebe sie nicht mehr: "Täglich erschien sie mir weniger hübsch, einzig das Begehren, das sie bei anderen weckte, hob sie, wenn ich davon erfuhr, wieder zu leiden begann und sie jenen streitig machen wollte, in meinen Augen noch einmal zu neuem Ansehen empor.“

Jo, jetzt muss der Besitzanspruch retten, wofür der Crush nicht mehr reicht und wenn auch das schiefgeht, betrachtet der Erzähler Albertine als ein (Zitat!) "Haustier" - oder schlicht als ein diebstahlgefährdetes Dekorationsobjekt, eine Art teure Topfpflanze mit der herrlichen, "gleichsam blühend[en]“ "Kräuselung ihrer Haare". Und sie lässt sich das gern gefallen, denn er kauft ihr schöne Sachen.

Einander wirklich "sehen und denken zu können", steht gar nicht auf dem Programm. Das Gruselige daran ist, wie tief die ganz privaten Liebestheorien und -praktiken dieses Romans durch die Kultur gesickert sind – und trotz Emanzipation auch durch die Zeiten.

Doris Anselm, rbbKultur

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