Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 46 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Marcel Proust | Kolumne - Die Gefangene (5 - 9)

Bei unserer Lesung von Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" sind wir im Romanteil mit dem Titel "Die Gefangene". Hier hält sich der Erzähler seine Freundin regelrecht als Haustier – scheint der Situation aber selbst immer weniger gewachsen, findet unsere Proust-Kolumnistin Doris Anselm.

Müdigkeit als Idee

Zum Schreiben dieses Romans hat sich Proust ja für das letzte Jahrzehnt seines Lebens in einem Zimmer mit schallisolierten Wänden verschanzt und Einladungen konsequent abgelehnt. Klar, er hatte zu tun, aber er hatte auch eine zarte Gesundheit und war häufig erschöpft.

Zugleich, das muss ein fieser innerer Konflikt gewesen sein, hat er die Erschöpfung als "schlechte Lebensführung" moralisiert. "Müdigkeit ist die organische Verwirklichung einer vorgefassten Idee“, sagt sein Autor-Erzähler etwas früher im Roman. Er glaubt, nervöse und sensible Menschen könnten ihre häufige Erschöpfung loswerden, indem sie sich ablenkten.

Und jetzt langsam lässt Proust seinen jungen (oder eben nicht mehr ganz so jungen) Protagonisten in genau dieses Müdigkeits-Fahrwasser geraten. Ausgerechnet jetzt, da er sich die geliebte Albertine endlich fest in seiner Wohnung installiert hat. Sie ist ja "Die Gefangene" aus dem Titel des Bandes, im Französischen sogar noch drastischer: "La Prisonnière", also: weiblicher Häftling.

Und doch macht Albertine täglich Spazierfahrten – während der Erzähler immer seltener Lust hat, sie dabei wie geplant zu bewachen. Oft bleibt er den ganzen Tag im Bett und füttert seine Eifersucht mit reiner Fantasie. Und vielleicht ernährt die gleiche Fantasie tatsächlich auch seine Müdigkeit mit einer, siehe oben, "vorgefassten Idee". Nämlich dieser hier:

"Nun aber war – obwohl ich die Ursache dafür jeweils in einem besonderen körperlichen Unbehagen suchte – was mich in Wirklichkeit bewog so oft liegenzubleiben, ein Wesen, […] das über mich mehr Macht als eine Geliebte besaß, es war, hinübergewandert in mich, […] meine Tante Léonie."

Wir erinnern uns: Das ist die aus dem ersten Band, die es schaffte, an ihren eingebildeten Krankheiten wirklich zu sterben.

Weiter im Text: "Wenn wir ein gewisses Alter überschritten haben, werfen […] die Seelen der Toten, aus denen wir hervorgegangen sind, mit vollen Händen ihre Schätze und ihren bösen Zauber auf uns. Sie verlangen, dass sie […] an den […] Gefühlen mitwirken […], die wir in uns erleben“.

Whoa, das ist schon kurz vor Horrorfilm. Obwohl natürlich auch im normalen Alltag ein Satz wie: "Du bist schon genau wie dein Vater" erheblichen Schrecken verbreiten kann.

Jedenfalls demonstriert Proust hier so überdeutlich die Unfreiheit seines Erzählers, und eben nicht die der von ihm eingefangenen Frau, dass ich mich gefragt habe, warum der Band nicht wenigstens "Die Gefangenen" heißt, also im Plural. Vielleicht wollte der Autor ja, dass wir da selbst drauf kommen und am Ende denken: Ach wo, das Mädchen hat’s doch gut, er selber leidet ja viel mehr.

Nee, sorry, keine Chance. Der Typ hat Sex mit seiner Freundin, ALS SIE SCHLÄFT - und diese Szene wirkt in ihrer empathielosen Süßlichkeit genau so creepy wie das Geister-Wanderungs-Gegrusel mit dem Tantchen.

Doris Anselm, rbbKultur

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