Christian Keller, Präsident der Brandenburgischen Architektenkammer © Ottmar Winter
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Ist die Welt noch zu retten? Die rbbKultur-Klimagespräche, Folge 14 - Nachhaltiges Bauen: Ein Plädoyer für weniger Neubau und kluges Umbauen vorhandener Gebäude

Wie nachhaltig kann die Architektur der Zukunft sein? Wo ist das nachhaltige Bauen einfacher - auf dem Land oder in der Stadt? Ev Schmidt spricht in unserem Klimagespräch in dieser Woche mit dem Architekten Christian Keller, Präsident der Brandenburgischen Architektenkammer über zukünftige Notwendigkeiten beim Bauen und Wohnen.

rbbKultur: Herr Keller, Sie sind gegen das Bauen von Einfamilienhäusern. Warum? Weil sie nicht nachhaltig genug sind?

Keller: Tatsächlich ist es so, dass die Vielzahl der Einfamilienhäuser, die wir bauen, ein Problem darstellt. Es werden erheblich mehr Ressourcen verbaut als zum Beispiel im Wohnungsbau. Aber auch der Flächenverbrauch ist ein Riesenthema – und damit ist auch automatisch die Frage der Mobilität gekoppelt. Eine Einfamilienhaussiedlung erzeugt einfach viel mehr Verkehr, als wenn man konzentriert baut.

rbbKultur: Wie könnte denn Ihrer Meinung nach eine nachhaltige Zukunft des Bauens aussehen?

Keller: Das ist eine gute Frage. Da gibt es mehrere Dinge, die man nennen muss. Zum einen müssen wir uns umorientieren: weniger neu bauen, mehr umbauen. Das kluge Nutzen von Gebäuden, die im Bestand schon da sind, wird immer mehr eine Zukunftsaufgabe werden. Und wenn man – was manchmal unvermeidlich ist – im Umbau einen Neubauanteil generieren muss, ist die Wahl der Materialien und Ressourcen ganz wichtig. Wir müssen uns schnell umorientieren von CO2-intensiven Stoffen wie Beton und Zement hin zu nachwachsenden Rohstoffen, die CO2 binden und aus der Atmosphäre ziehen.

rbbKultur: Da wird vor allem Holz als Baumaterial gepriesen. Doch woher soll denn das ganze Holz kommen? Der Erhalt der klimagestressten Wälder hat doch eigentlich Priorität?

Keller: Unbedingt. Die Wälder spielen eine ganz wichtige Rolle. In Deutschland haben wir eine lange Tradition, der Begriff Nachhaltigkeit ist in der deutschen Forstwirtschaft geprägt worden. Die Verknappung, die wir in den letzten Monaten – auch aufgrund von Corona – festgestellt haben, ist darauf zurückzuführen, dass dieser Baustoff jetzt weltweit en vogue ist – und damit auch in Ländern, wo nicht so nachhaltig gewirtschaftet wird. Wir haben in Deutschland gute Erfahrungen.

Dass wir versuchen, auch die Stoffkreisläufe und Wege kürzer zu machen und die Stoffe, die wir verbauen, hier zu erzeugen, ist ein guter Aspekt. Aber da ist nicht nur Holz das allein glücklich Machende: Es gibt viele Naturfasern, die uns auch helfen. Zum Beispiel Dämmstoffe aus Hanf oder Flachsfasern, die mit Lignin zu neuen Werkstoffen verbunden werden können. Da ist noch viel Potential.

rbbKultur: Was geht denn Ihrer Meinung nach gar nicht mehr beim Bauen?

Keller: Eine Herangehensweise, die wir lange Zeit leider auch praktiziert haben, ist der Abriss von Großsiedlungen im Land Brandenburg, der – und da spreche ich jetzt erstmal nur für Brandenburg – lange Zeit sogar gefördert wurde. Es steht bis heute in der Strategie unseres zuständigen Ministeriums, dass das auch weiter gemacht werden soll, damit der Wohnungsmarkt stabilisiert wird. Das ist eine Fragestellung von vorgestern, da müssen wir umdenken und versuchen, diese Gebäudebestände zu erhalten und so attraktiv zu machen, dass die Menschen lieber dort hinziehen als zum Bespiel in ein Einfamilienhaus.

rbbKultur: Und wie sind die starken Pendlerströme – sei es durch den angespannten Wohnungsmarkt oder den von Ihnen angesprochenen Einfamilienhausbau – in den Griff zu bekommen?

Keller: Natürlich ist das Einfamilienhaus des Deutschen liebstes Kind. Wenn man sich aber mal die Nutzungsdauer anschaut, ist es nicht ganz unproblematisch: Die Häuser werden errichtet, Kinder wachsen darin auf, verlassen es irgendwann, dann ist das Haus eigentlich zu groß … Mit solchen Dingen lässt sich in einem anderen Wohnungsmodell viel besser umgehen. Da fehlen uns hier in Brandenburg schlichtweg die Experimente, wie man diesen Wohnungsbestand anpassen kann, ohne dass jedes Mal ein neues Haus gebaut wird. Das ist der Weg, den wir momentan beschreiten – und der ist natürlich problematisch.

Das Gespräch führte Ev Schmid, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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