Deutsche Oper Berlin: "Rheingold" – mit Andrew Harris, Thomas Blondelle, Tobias Kehrer, Annika Schlicht, Jacquelyn Stucker, Derek Welton und Thomas Lehman; © Bernd Uhlig
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Der "Ring" an der Deutschen Oper Berlin - Persönliche Betrachtung zum "Rheingold"

Unsere Kulturkorrespondentin Maria Ossowski lässt kaum eine Ring-Inszenierung an sich vorbeiziehen. Ob in Bayreuth oder jetzt wieder in der Deutschen Oper Berlin – sie taucht immer wieder in die Wagnerschen Nibelungen-Welten ein. Und macht sich dabei Gedanken über Götter, Menschen und die Macht der Musik. Dabei entstehen persönliche Betrachtungen zu jedem der vier Abende des Rings des Nibelungen. Von Maria Ossowski

Hätten sie es nur ein Mal gehört, dieses tiefe "Es" der Kontrabässe, des Fagotts und der Hörner. Diesen Urton über 136 Takte, mit dem der Ring beginnt, das Dunkle des Flussbettes, auf dem sich das Rheingold verbirgt. Yogalehrer heute würden erklären, das sei der Ort, wo das Bauchnabelchakra liegt, verantwortlich für des Menschen Trieb, die Sexualität.

Das "Es". Generationen von Wagnererklärern und Musiktheaterexperten hat dieses Tongewölbe beschäftigt, allein, jene beiden Menschen, die meinen Geschmack prägten, weigerten sich, diese raunende Dur-Tiefe überhaupt wahrzunehmen.

Sie waren nicht nur kriegs-, sondern vor allem faschismustraumatisiert. Meine Eberswalder Mutter hatte erfolgreich die Brutstätte der Nazifrauenschaft, den BDM, verweigert und zum Kriegsende die Eltern und beide Geschwister verloren. Sie trug bis zum Tod rote Fingernägel und Chanel Nummer 5, genoss den Ruf als undogmatischste Lehrerin des Berliner Grunewalds und verachtete jede Form von germanischem Mythengeschwurbel im Allgemeinen, Wagners Heldenepen jedoch im Besonderen. Weshalb sie dieses "Es" eben auch niemals gehört hat.

Mein Charlottenburger Vater hatte vor der Hitlerei noch die Brecht-Inszenierung der "Dreigroschenoper" im Berliner Ensemble bejubelt, wie jeder Jugendliche mit Herz dem Sozialismus gehuldigt und später für die Amerikaner einen Radiosender mitaufgebaut. Dort gründete er das RIAS-Jugendorchester. Diese legendäre Kaderschmiede der Berliner Orchester hat er als ersten deutschen Klangkörper überhaupt nach Israel gebracht.

Wagner? Bayreuth? Für meinen Vater waren diese Musik und jener Ort eine Kombination aus gefährlichstem fränkischem Provinzmief, Antisemitismus, Führerkult und Bühnengeschrei. Weshalb auch er, ein sonst so grundtoleranter Mensch, das Rheingold-Es nie erlebt hat.

Beide Eltern liebten jede Oper. Mozart, Puccini und Verdi waren ihre Säulenheiligen. Wagner? Gott bewahre. Und dann bekam ich den Auftrag, ein Fernsehteam zu den Proben von Götz Friedrichs "Ring" an der Deutschen Oper zu begleiten. Derart mit familiärmusikalischer Skepsis grundiert, wollte ich ihn zunächst nicht annehmen. Und dann doch. Und dann das "Es". Der Blick in den Tunnel. Die Tiefe, die Schwärze, das "Es". Die Klage der Rheintöchter um das verlorene Gold. Macho-Wotan, der es Alberich klaut, um seine Burg zu bezahlen. Loge, der dabei gewitzt hilft. Die zickige Fricka, die Gottvater eine herrliche Szene macht und zum Schluss alle Götter und Halbgötter im Menuett auf die Burg zutanzend. Wow. Welch ein grandioses Werk. Menschheitserklärend. Pures Glück.

Doch alle Begeisterungsberichte prallten am elterlichen Küchentisch auf eine Ablehnung, die fester gefügt war als der Riesen Burg. Wie ich die Musik eines Judenhassers überhaupt anhören könne? Egal, wie sie klänge, es reiche, wenn Hitler sie mochte. Außerdem sei das alles so deutschtümelnd humorfrei. Ich möge die demokratisch-heitere Familientradition bitte achten. Nein, sie würden mich niemals zum "Ring" begleiten.

Und so ließ mich das "Rheingold" ausziehen aus dem Musikgeschmack meiner Kindheit und Jugend. Das "Es" machte mich musikalisch erwachsen. Beide Eltern blieben ihrer Überzeugung treu. Am Abend vor ihrem Tod hörte meine Mutter die Comedian Harmonists. Auf dem Begräbnis meines Vaters erklang Mozart.

Mit dem "Rheingold"-Es von Richard Wagner blieb ich zurück. Die elterliche Konsequenz hallt für mich nochmals in jedem "Rheingold"-Beginn.

Maria Ossowski, rbbKultur

Heute geht es los mit dem Rheingold und da führt uns Maria Ossowski gleich hinab in die Tiefe.

rbbKultur überträgt "Der Ring des Nibelungen" live am 16., 17., 19. und 21. November 2021.