Deutsche Oper Berlin: "Siegfried" – mit Clay Hilley; © Bernd Uhlig
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Der "Ring" an der Deutschen Oper Berlin - Persönliche Betrachtung zu "Siegfried"

Unsere Kulturkorrespondentin Maria Ossowski lässt kaum eine Ring-Inszenierung an sich vorbeiziehen – sie taucht immer wieder in die Wagnerschen Nibelungen-Welten ein. Und macht sich dabei Gedanken über Götter, Menschen und die Macht der Musik. Dabei entstehen persönliche Betrachtungen zu jedem der vier Abende des Rings des Nibelungen. Heute geht es um "Siegfried".

150 Mark waren viel Geld 1984, zu viel für meinen damaligen Verlobten, um eine Karte für den Siegfried zu kaufen. So saß ich allein im zweiten Rang, die Türen wurden geschlossen, das Licht gelöscht. Stille. Der Dirigent hob den Taktstock. Da! Auf der Bühne vor dem eisernen Vorhang auf dem Steg links über dem Orchestergraben erschien ein hoher Schatten mit Geigenkasten unter dem Arm und verschwand mit einem kühnen Sprung im Dunkel des Parketts. Es könnte ein Teil der Inszenierung gewesen sein: Furchtlos wie Siegfried, der Tor. Allein, der Springer hieß nicht René Kollo, und hatte, wie so oft, Glück. Der Pförtner am Bühneneingang wollte das vermeintliche Orchestermitglied ebenso wenig aufhalten wie der verdutzte Inspizient. Und schon saß mein Verlobter auf einem freien Platz am Rand. Ich war erst beunruhigt und dann beglückt.

Zum Pianissimo Trommelwirbel und den absteigenden verminderten Septakkorden der Holzbläser hebt sich der Vorhang. Mime beginnt die Klage um diesen ungezogenen Burschen, der gesetzlos durch die Welt schweift, auf alle Konventionen pfeift und jedes noch so scharfe Schwert einfach zerrupft. "Zwangvolle Plage, Müh ohne Zweck". Der Schmied schimpft über Siegfried und damit über die ambivalenteste Figur des ganzen Rings.

Wagners Superheld ist kein Schwiegermuttertraum. Eher ein Trauma. Siegfried bringt den Pflegevater um, köpft den Drachen, verhöhnt Opa Wotan, verführt seine Tante Brünnhilde und benimmt sich über vier Stunden eigentlich nur daneben. Einerseits. Andererseits sehnsüchtelten ganze Generationen von Männern und auch Frauen diesem heldischen Toren hinterher. Könnte man doch so ganz ohne Angst jedes Unbill an sich abtropfen lassen, ob Bärentatzen oder Drachenblut! Siegfried, der beliebteste Jungenname im Dritten Reich. Siegfried, Hitlers Bild vom germanischen Soldaten, mitleidlos, furchtlos, erorberungswütig. Toxische Männlichkeit ausstrahlend. Nahezu unverletzlich zerschmettert er sogar den Speer des Gottes Wotan und mit ihm Gesetze und Verträge.

Für uns emanzipierte Postachtundsechziger, die wir alle Klaus Theweleits Männerphantasien gelesen hatten, durfte Siegfried nur als Unsympath, als Antimann, als Gewaltverherrlicher durchgehen. In unseren aufgeklärten MeToo-erfahrenen Zeiten sollte Siegfried noch mehr als Zerrbild eines Helden verstanden werden, wegzupacken in mythologische Fernen bitte. Wenn das nur ginge, denn Wagner entlässt uns nie aus der Widersprüchlichkeit.

In tieferen Schichten unserer Seelen verbirgt sich ja noch immer die kleinklamme, heimliche Bewunderung. Siegfried ist so angstfrei und skrupellos wie etwa Superman oder James Bond. Verbote scheren ihn nicht. Demut lehrt ihn erst zum Schluss eine Frau, Brünnhilde, was den Recken doch noch menschlich erscheinen lässt.

Ob Nothungs Motiv, des Waldvögleins Gesang, Wotans Ruf nach Erda, die Liebesglücksmelodien zur Vereinigung auf dem Brünnhildefelsen, musikalisch ist Siegfried für mich der aufregendste und vielschichtigste Teil der Tetralogie. Auch wenn mir furchtlose Männer zutiefst suspekt sind und ich den Titelhelden wirklich nicht leiden kann. Im Gegensatz zu meinem Verlobten, der sich verbotenerweise damals den Sitzplatz erschlichen hatte. Aus einer Ehe wurde nichts, es blieb die Freundschaft und die jetzt beruhigende Mitteilung per WhatsApp, zum neuen Ring habe er sich ordnungsgemäß eine Karte gekauft.

Maria Ossowski, rbbKultur

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