Stefan Lange, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung © Karkow/PIK
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Ist die Welt noch zu retten? rbbKultur Klima-Gespräche, Folge 15 - "Es wird mehr Dürren, Waldbrände, Hitzewellen und Überschwemmungen geben. Wir brauchen schnell viel Klimaschutz!"

"Die Kinder von heute werden zwei- bis siebenmal mehr Extreme erleben als ihre Großeltern" – so lautet die Schlagzeile zu einer aktuellen Studie, an der Forscher*innen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung beteiligt waren. Was heißt das konkret? Werden ständige Dürren zum Alltag unserer Kinder gehören, ebenso wie Flutwellen und Waldbrände? Ev Schmidt spricht mit Stefan Lange, der sich an der ersten internationalen Studie beteiligt hat, die "altersabhängige Gefährdung durch Extremereignisse" untersucht.

rbbKultur: Herr Lange, Sie waren an der ersten internationalen Studie beteiligt: der Untersuchung altersabhängiger Gefährdung durch Extremereignisse. Was soll ich denn meinem Sohn und seiner Generation sagen, in welcher Situation er sein wird, wenn er vielleicht selbst Vater ist?

Lange: Die Situation wird tatsächlich davon abhängen, was die Eltern seiner Generation jetzt tun. Die nächsten zehn Jahre sind dabei ganz entscheidend. Was wir in unserer Studie gezeigt haben, ist, dass eine ungebremste Erderwärmung dazu führen wird, dass die Kinder von heute im Laufe ihres Lebens viel mehr Klimaextremen ausgesetzt sein werden als ihre Eltern und Großeltern.

rbbKultur: Können Sie vielleicht auf Europa bezogen eine Aussicht geben, wie es in 50 Jahren aussehen könnte?

Lange: Für die Welt gilt ähnliches wie für Europa. Es gibt regionale Unterschiede, aber im Grunde ist es auf der ganzen Welt so, dass es mehr Dürren geben wird, mehr Waldbrände, mehr Hitzewellen, mehr Überschwemmungen. Wieviel mehr, das hängt davon ab, um wieviel wärmer es wird.

Wir haben das Ganze für verschiedene Erwärmungspfade durchgespielt und es zeigen sich deutliche Unterschiede. Bei einer Erwärmung um 2,5 Grad würde ein heute Neugeborenes im Laufe seines Lebens dreimal so viele Überschwemmungen erleben wie ein heute 60-Jähriger. Bei Hitzewellen sind es sogar siebenmal so viele. Wenn wir es aber schaffen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, sind es nur zwei- statt dreimal so viele Überschwemmungen und bei den Hitzewellen wären es nur vier- statt siebenmal so viele.

rbbKultur: Wie kann man das so genau berechnen?

Lange: Das ist eine relativ lange Kette an Simulationen, die wir gemacht haben. Wir haben mit Klimasimulationen, basierend auf Treibhausgasemissions-Szenarien, begonnen, die Klimaveränderung zu simulieren, die sich aus diesen Emissionen ergeben. Dann haben wir darauf basierend sogenannte Klimafolgensimulationen gemacht – zum Beispiel hydrologische Simulationen, um zu berechnen, wie die Klimaveränderung das Auftreten von Überschwemmungen beeinflusst. Diese Ergebnisse haben wir mit Lebenserwartungsdaten kombiniert, um zu berechnen, wie viele Extremereignisse die verschiedenen Generationen im Laufe ihres Lebens erleben werden.

rbbKultur: Sie sagten bereits, dass es auf die nächsten Jahre ankommt. Ihre Studie ist bereits vor der UN-Klimakonferenz in Glasgow erschienen – mit der deutlich formulierten Sorge, dass eine katastrophale Zukunft nur verhindert werden kann, wenn die Regierenden ihre Klimaziele deutlich strenger setzen. Wie schätzen Sie das nach dem Gipfel nun ein?

Lange: Es gab tatsächlich einige gute Ergebnisse beim Gipfel. Es wurde über den Kohleausstieg gesprochen, es wurden die Methanemissionen in den Blick genommen und es sind auch neue langfristige Emissionsziele geäußert worden. Das sind Ziele für 2050/60/70 – und die sind jetzt zum ersten Mal so, dass sie versprechen, wenn all diese Ziele eingehalten werden, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.

Das ist gut, aber völlig unzureichend sind die Ziele für die nächsten zehn Jahre - wir werden nämlich diese langfristigen Ziele einfach nicht schaffen zu erreichen, wenn wir nicht sehr schnell die Emissionen reduzieren. Wir brauchen schnell viel Klimaschutz.

rbbKultur: Gibt es denn noch einen Hoffnungsschimmer?

Lange: Mir machen tatsächlich die Proteste auf der Straße Hoffnung. Nur so ist das Thema so hoch auf die Agenda gerückt. Ich glaube wirklich, dass wir Menschen sehr viel können, wenn wir wollen. Die Frage ist jetzt, wie schnell dieser Wille zunimmt. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass er weiter zunehmen wird – auch einfach, weil die Wetterextreme, wie wir sie in der Studie untersucht haben, in Zukunft immer häufiger auftreten werden. Das heißt, der Leidensdruck wird einfach zunehmen und daraus wird sich ein Handeln ergeben.

Das Gespräch führte Ev Schmid, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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