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Wut, Selbstisolation, exzessive Umtriebigkeit - Corona-Gemengelage: Gefühlschaos pur!

Die Gefühle spielen gerade allgemein verrückt: ausgeglichen war mal! Von wütend, weil die anderen sich nicht impfen, bis bockig, weil sie die anderen zum Impfen zwingen wollen. Von Selbstisolation bis zur exzessiven Umtriebigkeit. Alles ist dabei! Und über allem schwebt die Sorge vor Krankheit, die Sorge, dass die Politik zu spät oder zu hart entscheidet. André Bochow blickt auf die aus dem Lot geratene Corona-Gefühlslage.

Nun warten wir alle mal wieder auf einen Lockdown, der nicht Lockdown heißen darf, uns aber wieder aus allem möglichen heraushalten wird. Aus Clubs, Kinos, Restaurants und vielleicht aus Theatern. Überhaupt aus dem Leben, das Spaß macht. In Brandenburg ist man ja längst ein paar Schritte weiter als in Berlin. Dort sind sogar die Weihnachtsmärkte dicht.

Und warum das alles? Weil eine beträchtliche Anzahl unserer Mitbürger beiderlei Geschlechts lieber selbst stirbt oder andere sterben lässt, als sich impfen zu lassen. Ein Teil der Impfverweigerer beruft sich auf allen möglichen esoterischen Quark und ein anderer Teil, vornehmlich in Ostdeutschland, hat sich seinen gesamten Trotz und Widerstandsgeist für diese eine Gelegenheit aufbewahrt. Der letztgenannte Teil würde sofort Impfungen einklagen, wenn die Regierung sie verbieten würde.

Aber ob nun renitent oder einfach doof – die Mehrheit unserer Menschen ist ein Freund des gepflegten Überlebens und entwickelt zunehmende Gereiztheit gegenüber den Impfgegnern. Die Wut wird sich noch steigern, wenn Hüften nicht erneuert, Bypässe nicht gelegt und Tumore nicht entfernt werden können, nur weil Ungeimpfte die Krankenhäuser verstopfen. Gelegentlich rücken dabei schon jetzt die privaten Diskussionen in die Nähe einer gewissen Hartherzigkeit. Etwa dann, wenn aufgebrachte Zeitgenossen freiwillig Ungeimpften die medizinische Betreuung auch im Notfall entziehen wollen. Gottlob wacht das medizinische Ethos über die Patienten und nicht der Volkszorn.

Übrigens reagieren die Menschen sehr unterschiedlich. Bislang waren – zumindest in Berlin – Clubs, Kneipen, Museen oder Theater voll. Aber wenn man in den vergangenen Tagen genau hinschaute, stellte man fest: Das Bild hat sich geändert. Offenbar scheuen viele menschliche Kontakte, noch bevor sie dazu von der Politik gezwungen werden. Vor allem jene, die ihre Weihnachtseinkäufe schon erledigt haben, ziehen sich in ihre Gemächer zurück und überlassen das Virus den anderen. Das ist zugegebenermaßen noch nicht wissenschaftlich erwiesen.

Eine ganz besondere Art der Inzidenzreaktion zeigen einige Politiker, wenn sie auf gefüllte Fußballstadien weisen. Solche Bilder wolle man nicht mehr sehen, dröhnt es aus den Staatskanzleien. Besonders laut rief das der neue Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, weil das Kölner Stadion beim Spiel gegen Mönchengladbach besonders voll war. Also erstens ist es einigermaßen befremdlich, wenn der Ministerpräsident des Landes in dem das Fußballspiel … na, und so weiter. Und zweitens: Klar wollen wir diese Bilder sehen. Ist vielleicht gerade ein ungünstiger Zeitpunkt, aber prinzipiell ja und auch bitte recht bald wieder.

Im Großen und Ganzen halten unsere Menschen einen zünftigen Lockdown derzeit für ein probates Mittel. Das wäre eine klare Ansage, man wüsste woran man ist und Vorräte sind noch vom letzten Mal da. Liebe Politikerinnen und Politiker, bitte halten Sie sich also an folgende, wegweisende Worte aus der Bevölkerung: Hülft ja allet nüscht. Wat willste machen und müssma durch.

André Bochow, rbbKultur

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