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Der Feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Going Mental im Advent

Merken Sie, wie es anzieht: Der Geschenkeüberleg-Druck, der Besuchsplanungs-Druck, der Essensorganisier-Druck. Oft ist dieser Druck ungleich verteilt: Mama managt, plant, organisiert, Papa sagt: Jetzt mach doch nicht so nen Stress und schlappt gemütlich los, den Tannenbaum besorgen. Feministinnen kritisieren: Die Mental Load, die mentale Last in den Familien ist sehr oft verdammt ungleich verteilt. Heide Oestreich guckt sich Eltern im Advent an.

Mein armer Freund. Zum fünften Mal fragt er mich, wen wir nun genau zu Heiligabend einladen wollen. Und kann man seine erste und seine zweite Exfreundin zusammen bringen? Oder lieber auf Weihnachten und Silvester verteilen? Und für den Sohn noch einen Gleichaltrigen? Und der Single hat sich letztes Mal aber doch sichtlich unwohl gefühlt, oder? Och, meinste echt?, frag ich gedankenfaul. Weiter geht’s: Er würde danach mit seinem Sohn zur Familie düsen – komme ich mit? Weil man muss ja jetzt die Fahrkarten! Und was wollen wir essen? Und nein, Heide, bitte nicht am 23. boostern lassen, Du liegst dann mit Impfreaktion auf dem Sofa rum und ich kann Weihnachten allein schultern! Ach so, ja, sag ich.

Mein Freund ist überfordert. Und ich lass‘ ihn im Schneeregen stehen. Interessanterweise haben wir damit die übliche Rollenverteilung umgekehrt. Er managt, ich lasse managen. Die berühmte "Mental Load" dieses Familienmanagements liegt bei ihm. Das ist die mentale Last der Verantwortung für alles, die in vielen Müttern in der Adventszeit geradezu Panikgefühle erzeugt: Essen, Geschenke, Plätzchen backen, Reisen planen – und alles noch mit Pandemie – logistische Höchstleistungen sind gefragt. Meistens von Frauen.

Meine Mutter hat das so gemacht. Papa hat den Weihnachtsbaum geholt, die Weihnachtsmusik aufgelegt, den Wein serviert und alles bezahlt. Mama hat alles andere gemacht. Sie war die Hausmanagerin. Klassische Rollenaufteilung.

Komisch wird es, wenn die häusliche Rollenaufteilung weitgehend so bleibt, obwohl beide Elternteile berufstätig sind und das Geld nach Hause bringen. Meine Mutter hatte einen Job, Hausfrau, heute haben Frauen oft zwei: Berufsarbeit und Home Management. Und das macht kirre.

Die frohe Botschaft ist, dass diese ungleiche Verteilung jedem sofort auffällt, wenn man sie mal laut und deutlich ausspricht. Erfahrene Coaches empfehlen dann übrigens Paketlösungen: Man schreibt alle anstehenden Arbeiten in Paketen auf und verteilt die dann: Eine Person klärt die gesamte Essensfrage von A bis Z, eine Person die gesamte Reiselogistik.

Ich bin natürlich fein raus. Wir haben eine Patchwork-Beziehung, mein Freund und sein Sohn in einer Wohnung, ich in einer anderen. Damit fällt ihm die Mental Load des Haushalts- und Familienmanagements quasi automatisch zu. Dummerweise habe ich ihm neulich einen Vortrag über Mental Load von Frauen gehalten, ich Idiotin. Da ist ihm natürlich aufgefallen, wie das bei uns verteilt ist. Tja. Seitdem hab ich schon zweimal Zimtsterne gebacken. Aber ich fürchte, bis Weihnachten komme ich damit nicht durch.

Heide Oestreich, rbbKultur