Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 50 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Marcel Proust | Kolumne - Die Gefangene (25 - 29)

In Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" spielen die Künste immer wieder eine große Rolle: Die Literatur selbst natürlich, aber auch Malerei, Schauspielkunst und, vielleicht am wichtigsten: Musik. Letztere birgt dort allerdings ein gehöriges Gefahrenpotenzial. Deshalb warnt unsere Kolumnistin Doris Anselm jetzt eindringlich vor dem Konsum bestimmter musikalischer Substanzen.

Die Droge Debussy

Der Kampf gegen das Verschwinden der sogenannten "echten" klassischen Musik aus dem Radio wird ja komplett falsch geführt. Beim Lesen von Marcel Proust ist mir jetzt klar geworden: Statt immer wieder zu betonen, wie förderlich, bekömmlich und gedeihlich klassische Musik doch sei, sollte man besser mit dem Reiz des Verbotenen arbeiten.

Neue Künste gelten fast immer erstmal als schädlich, bevor sie vom Kulturbetrieb geadelt und vom Bildungsbürgertum aufgesogen werden. Das ging dem Computerspiel so, das ging in seiner Frühzeit auch dem Roman so. Aber die gute alte klassische Musik, gefährlich?! Schädlich? Gar verboten gut?!

Oh ja! Marcel Proust liefert in unserem aktuellen Lese-Abschnitt scharfe Munition für diesen Standpunkt. Er beschreibt den Blick eines Junkies – nämlich den Blick von Madame Verdurin. Die liebt Konzerte, und ihre Augen sind, Zitat: "von der Gewöhnung an Debussy stärker umschattet, als es durch den dauernden Gebrauch von Kokain je hätte geschehen können“.

Einmal zeigt sich Madame Verdurin so völlig fertig vor Ergriffenheit, dass der Erzähler sie als "eine Muse des Wagner-Kults und der Migräne zugleich" beschreibt. Und in einem früheren Band des Romans war schon von ihrem "grandios verwüsteten Antlitz" die Rede, Folge eines jahrzehntelangen Konsums musikalischer Substanzen.

Das alles dürfte doch wohl reichen für einen offiziellen Warnhinweis, sagen wir, auf allen Platten, die bei "Deutsche Grammophon" rauskommen? Nichts ist spannender, gerade für Teenager, als ein "parental advisory"-Sticker auf einem Kulturprodukt.

Was hat der Roman sonst noch musikalisch zu bieten? Ach ja! Kürzlich ging’s um das mir gut bekannte Phänomen, eine Situation mit Musik aufzuladen – und die Musik mit der Situation. Also mit den Gefühlen dabei. So wird das Stück zur emotionalen Zeitkapsel. Das macht den Erinnerungs-Fetischisten Marcel Proust natürlich total an. Allerdings liest es sich bei ihm so, als sei dafür besonders komplexe oder tiefgründige Musik erforderlich.

Da möchte ich widersprechen. Es gibt da ein paar harmlose Popsongs, die für mich leider zu extrem giftigen Deponien von gefühlsmäßigem Sondermüll geworden sind. Ich muss auch gerade an ein anderes Buch denken, "Neunzehnhundertvierundachtzig" von George Orwell. Darin kommt mehrmals ein eigentlich minderwertiger, maschinell komponierter Lovesong vor. Eine dicke Frau trällert ihn beim Wäscheaufhängen, füllt ihn mit seltsam viel Leben, und er hält sich länger im Volksmund als die vielen Propaganda-Lieder des Überwachungsstaates.

Man könnte glatt sagen: Ein Ohrwurm ist immer privat. Er führt ein unkontrollierbares, also freies Eigenleben. Und dabei kann er eine Tiefe erzeugen, die er selbst gar nicht besitzt. Es gibt eben nicht nur bei Marcel Proust und nicht nur in der Klassik mächtige musikalische Substanzen.

Doris Anselm, rbbKultur

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