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Kommentar - Straßennamen mit antisemitischem Bezug: forschen, einordnen, sogar umbenennen?!

Der Berliner Beauftragte gegen Antisemitismus, Samuel Salzborn, will eine breite gesellschaftliche Debatte über Straßennamen mit judenfeindlichen Bezügen anstoßen. Darum hat er eine Studie in Auftrag gegeben, die jetzt für 290 Straßennamen konkrete Handlungsempfehlungen gibt. Von: weiter forschen, bis zu digital einordnen oder auch umbenennnen. Nikolaus Bernau hat sich die Liste für uns angesehen und kommentiert.

Konrad Adenauer soll ein Antisemit gewesen sein, in einer Reihe zu nennen mit dem Historiker Heinrich von Treitschke, der den schrecklichen Satz "Die Juden sind unser Unglück" prägte? Schon dieses Nebeneinander in dem Papier zu Namen von Antisemiten auf Straßenschildern zeigt: Hier wird reichlich einfach mit Begriffen und historischen Einordnungen hantiert, und zwar aus einer stramm linksliberalen Sicht.

Nur um das gleich klar zu machen: Antisemitismus ist menschenverachtend. Der kirchliche Antijudaismus hat in Vielem die Grundlage gelegt für den rassistischen Antisemitismus. Die meisten christlichen und damit auch die deutschen Mehrheitsgesellschaften haben Judenverachtung und Judenhass seit der Spätantike tief verinnerlicht.

Dennoch muss auch hier historisch differenziert werden: Martin Luther war sicher ein übler Antijudaist in spätmittelalterlicher Tradition – aber seine Schriften sind nicht der erste Schritt in Richtung Auschwitz. Ernst Moritz Arndt war Demokrat und antijüdisch zugleich. Otto von Bismarck hatte möglicher Weise nicht viel für Juden übrig – gleichzeitig aber beste Kontakte zu ihnen. Der deutsche Kaiserhof um Wilhelm II galt als einer der liberalsten Monarchenhöfe - gleichzeitig grassierten hier Antisemitismen. Wilhelm von Bode schrieb widerliche Briefe – und betrachtete gleichzeitig die oft jüdischen Förderer der heutigen Staatlichen Museen als die eigentliche Kulturelite Preußens.

Alle diese Widersprüche ignoriert das Papier genauso wie die historische Forschung zur Vielfalt von Antisemitismus und Antijudaismus. Es ist etwa auf dem Debattenstand der 1990er-Jahre. Nach seinen Kategorien müsste Karl Marx umgehend zum Antisemiten erklärt werden, genauso Ernst Thälmann, der in den kommunistischen Zeitungen und Zeitschriften der 1920er Jahre Texte und Illustrationen zuließ, die sich allenfalls in Nuancen von denen der Nazis unterschieden. Aber er fehlt in der Liste genauso wie Marx – Antisemitismus sei eine genuin rechte Angelegenheit, wird hier wieder einmal reichlich selbstgewiss behauptet.

Wir sollten endlich lernen: Straßennamen zu ändern, ändert rein gar nichts am sicherlich oft mangelnden historischen Bewusstsein für die katastrophalen Folgen von Rassismus, Frauenverachtung, Polen- und Russenhass, der Diskriminierung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen oder eben der Verfolgung von Juden. Die einzige Ausnahme: Völker- und Massenmörder vom Schlag Hitlers, Stalins oder Maos sowie deren Unterstützer. Sonst aber brauchen wir diese Stacheln, die unsere bequeme Selbstgewissheit bestärken, dass wir angeblich viel besser sind als unsere Vorfahren.

Nikolaus Bernau, rbbKultur