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Der Feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Außenpolitik im Kleid

"Baerbock droht Russland mit Konsequenzen" – an solche Schlagzeilen muss man sich noch gewöhnen, nicht wahr? Zu ungewöhnlich ist eine junge weibliche Außenministerin. Und so wird sie auch von allen Seiten beäugt: Kann die das? Macht die das richtig? Andererseits fragt man sich, wann denn wohl unsere Klischeebilder von Frauen in der Politik endlich mal verblassen. Heide Oestreich über Außenpolitik im Rock.

Man hat so ein kleines Deja-vu, wenn man die Kommentare zu Annalena Baerbocks ersten Tagen als Außenministerin anguckt. Eine Außenministerin im Kleid, mit Plissee! bemerkt etwa die "Zeit" in einem Extra-Artikel. Es wird untersucht, ob ihr englisches "th" zu deutsch klingt oder ob sie wohl auch Realpolitik kann, obwohl sie eine Frau ist.

Im Deutschlandfunk wird gefragt, ob die vielen Reisen nicht etwas anstrengend seien und natürlich muss auch Altkanzler Gerhard Schröder ein paar ungebetene Ratschläge herausonkeln.

Im Politbarometer gibt gleich mal eine Mehrheit an, dass Baerbock ihre Sache als Ministerin sicherlich nicht gut machen werde, im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen. Alles wie bei Merkel damals – außer, dass die sich nie-mals im Plisseekleid in den Bundestag gesetzt hätte.

Und so wird nun auch mit mildem Staunen vermerkt, dass Baerbock offenbar nicht auf Reisen in Ohnmacht fällt, sich international hinreichend verständigen kann und sogar Russland mit Konsequenzen drohen und Botschaftsangehörige ausweisen kann. Tja. Auch wie bei Merkel. Je mehr Du unterschätzt wirst, desto einfacher kannst Du glänzen.

Dennoch ist diese abschätzige Beäugung immer eine Gefahr. Denn das Glänzen funktioniert nur so lang, wie man sich nicht die kleinste Abweichung erlaubt. Denn dann schlägt die Klischeefalle zu. Dann haben es alle doch gleich gewusst, dass die das nicht bringt.

Es gibt Forschungen, die zeigen, dass allein die Existenz von Stereotypen für die Angehörigen der entsprechenden Gruppe schon eine Bedrohung ist, die das Verhalten einzelner durchaus lenkt. Das führte in Angela Merkels Fall dazu, dass andere Leute ihre Handtasche tragen mussten und sie immer strictly Blazer trug, damit sie nicht zu offensiv daran erinnerte, dass sie ja eine Frau ist.

Annalena Baerbock findet das zumindest schonmal zu viel der Ehre für den männlichen Phänotyp und tritt konsequent im Kleid auf. Das ist eine gute Entwicklung, die zeigt, dass die Stereotypen-Bedrohung schwächer wird.

Interessant wird nun die Frage: Wie weit traut sich Annalena Baerbock noch hinaus? Mein Gradmesser dafür wird ein Begriff aus dem Koalitionsvertrag. Da steht nämlich, dass die Ampel eine feministische Außenpolitik machen will. (o.c.: Besser gesagt steht da, man werde eine feminist foreign policy machen. Klingt moderner und vielleicht weniger erschreckend.)

Feministische Außenpolitik heißt mindestens, dass man Frauen in internationale Verhandlungsteams holt, was heute erstaunlich oft nicht der Fall ist. Im Extremfall heißt feministische Außenpolitik, dass man menschliche Sicherheit völlig neu definiert. Ein grundstürzendes Unterfangen.

Kein deutscher Außenminister hat diesen Begriff bisher je in den Mund genommen. Wird Annalena Baerbock es tun? In diesem Geschäft eine Frau zu sein, die sich dann noch für die weitgehend unbewaffnete – und das meint: machtlose Hälfte der Menschheit einsetzt – das kann richtig in die Hose gehen. Wenn man eine trägt – und kein Kleid!

Heide Oestreich, rbbKultur