Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 51 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Marcel Proust | Kolumne - Die Gefangene (30 - 34)

In unserer Mitlese-Kolumne "Lust und Frust mit Proust" wird es heute heiß: Denn in den Hörbuchfolgen von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" dieser Woche geht es unter anderem um das erotische Potential von Intrigen und Wintermänteln.

Sex, Lügen und Paletots

Wenn ich was Neues lernen will, greife ich gern auf Tutorials aus dem Internet zurück. Da erklärt jemand sachlich, wie man den Lüfter eines Laptops ausbaut, wie man ein leckeres Sauerteigbrot backt oder wie man einen Menschen auf die mieseste Art fertig macht.

Letzteres Tutorial kommt von Marcel Proust - und Sie können es diese Woche nicht nur online, sondern auch im Radio hören, hier auf rbbKultur, aufgeteilt in fünf Folgen, unter dem Deckmantel des Roman-Hörbuchs.

Ich kann die Strategie leider nicht in drei Minuten wiedergeben, dafür ist sie zu komplex. Nur soviel: Am besten funktioniert eine Intrige, wenn das Opfer nichtmal darauf kommt, warum sie überhaupt geführt wird. Und dafür ist es im Grunde am besten, wenn Sie als Intrigant:in selbst eigentlich gar keinen Grund dafür haben – außer der reinen, bösen Lust.

Ja, Intriganz ist eine Art sexueller Neigung. Ich würde sogar sagen: Perversion. Und so wirkt es im Kontrast besonders harmlos und geradezu niedlich, wie im Roman ausgerechnet jetzt diverse Leute sensationsgeil über Homosexualität reden. Baron de Charlus behauptet ihnen gegenüber ganz cool, es seien maximal 30 bis 40 Prozent der Menschen wirklich durch und durch hetero. Das wird im Roman noch als Wunschdenken des Barons dargestellt – aber mit dem heutigen Wissen über Fluidität fragt man sich, ob er nicht völlig Recht hatte.

Ich persönlich habe im Abschnitt der Woche eine Neigung bei mir wiederentdeckt, die ich schon ganz vergessen hatte.

Auf einer Soiree will jemand dem stets kränkelnden Erzähler dessen Mantel holen, damit er sich nicht erkältet. Aber der hilfreiche Mensch kehrt mit der falschen Jacke zurück – ausgerechnet mit der des Barons, der immer noch hart auf den Erzähler steht:

"Aber was sehe ich da? Das ist ja mein Überzieher, den er da bringt, rief Charlus […] Nun gut, jetzt nehmen Sie eben diesen hier um. Wissen Sie auch, dass das sehr kompromittierend ist, mein Lieber? Es ist genauso, als ob man aus dem gleichen Glase trinkt. Ich werde dadurch ihre Gedanken erraten können. Aber nein, nicht so, zeigen Sie her, lassen Sie mich das machen, und während er mir seinen Paletot umlegte, drücke er ihn mir an den Schultern fest, zupfte ihn am Halse hoch, schlug den Kragen nach oben und streifte unter Entschuldigungen dabei an mein Kinn."

Proust-Ende – und ich bin am Schwitzen, weil mir eingefallen ist, wie ich mal in die sehr dicke, flauschige Winterjacke eines Kollegen schlüpfen durfte, den ich ein bisschen toll fand. Der spezielle Kick dabei: Er selbst hatte die Jacke grad erst ausgezogen. Ich schlüpfte also in seine Körperwärme. Das Futter war unglaublich weich, die Ärmel ein bisschen eng … und als ich mir den Kollegen quasi fertig angezogen hatte, dachte ich: Ungefähr so könnte es sich anfühlen, als Mann mit einer Frau zu schlafen.

Tja. Und jetzt können Sie sagen, ich hätte komische Neigungen. Aber wissen Sie was? Lieber "mantelsexuell" als intrigant.

Doris Anselm, rbbKultur

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