Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 52 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
rbbKultur
Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Marcel Proust | Kolumne - Die Gefangene (35 - 39)

Die Liebe und ihr Scheitern gehören zu den großen Themen des Romans "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Da lässt sich doch vielleicht noch was draus lernen für die eigene Beziehung, hat unsere Proust-Kolumnistin Doris Anselm gedacht, und mal die nützlichsten Stellen aus den Folgen dieser Woche rausgesucht. Spoiler: Beziehungspausen bringen gar nichts.

Paartherapeut Proust

Ein Knackpunkt in Beziehungen ist, glaube ich, die Frage, ob man wirklich gesehen werden will. Also nicht nur im Sinn von geachtet und bedacht, sondern wirklich gesehen, mit unserer ganzen Bedürftigkeit.

Praktisch alle Figuren, die mir bisher in diesem Roman begegnet sind, scheinen dazu eine klare innere Haltung zu haben: Um Gottes willen, auf gar keinen Fall. Und diese Leute wirken darin höchstens zugespitzt, aber nicht ausgedacht, seien wir ehrlich.

Auch ich habe schon geglaubt, oder vielmehr unbewusst reflexhaft danach gehandelt, ich müsse und könne mich irgendwie schützen mit der Strategie der Proust-Figuren, die, Zitat: "bei gewissen Dingen, auf die sie Wert legen, die sie aber nicht haben, aus Furcht vor Geringschätzung so tun, als legten sie gar keinen Wert darauf."

Problem: Mit dieser Strategie kriegt man vielleicht auf dem Flohmarkt ’ne Stehlampe billiger, aber mutmaßlich keine gute Beziehung.

So fährt Proust denn auch fort: "In der Liebe aber wird dieses Missverständnis auf die Spitze getrieben, weil wir […] es darauf anlegen, dass der äußere Anschein, den wir uns geben, nicht […] unser Denken widerspiegelt, sondern das, was dieses Denken für das geeignetste hält, um uns an das Ziel unserer Wünsche zu bringen […]".

Uäh, genau, diese ewigen taktischen Spielchen: jetzt musst du dich rar machen, lass sie mal zappeln, und so weiter und so blöd. Dementsprechend wohnen wir diese Woche im Roman einer aberwitzigen Szene bei, in der der Erzähler sich extra-tränenreich von seiner Albertine trennt, vorgeblich, weil er sie nicht mehr liebe, in Wahrheit aber mit dem Ziel, sie fester an sich zu binden, oder zumindest zu verhindern, dass sie ihn zuerst verlässt.

Albertine wiederum lügt ihm die Hucke voll darüber, wie ergeben sie ihm sei. Dabei geht sie wohl bei Gelegenheit gern mal mit Frauen fremd und ist deshalb der Überwachung durch den Erzähler schon lange äußerst überdrüssig. Albertine ist übrigens die vielleicht schlechteste Lügnerin der Literaturgeschichte, und damit die lustigste. Jedes Mal, wenn sie sich wortreich gegen den Verdacht einer Affäre wehrt, gesteht sie dabei, hoppla, praktisch eine neue.

Was kann man da noch machen? Vielleicht eine Beziehungspause? Auf diese nur scheinbar moderne Rettungs-Idee kommt auch der Erzähler. Doch Paartherapeut Proust rät ab. Denn nach solchen Pausen fangen, Zitat: "die gleichen Misshelligkeiten […] wieder an, dieselbe Schwierigkeit des Zusammenlebens zeichnet sich von neuem ab, nur ist die Trennung jetzt nicht mehr so schwierig zu vollziehen; […] man hat sie in nicht verletzender Weise schon einmal ausgeführt."

Oje. Na gut. Bekanntlich trennen sich die meisten Pärchen in Paartherapie am Ende trotzdem. In diesem Roman gibt es da immerhin die Aussicht, dass die Trennung unterhaltsam wird.

Doris Anselm, rbbKultur

arte tv | Die Welt des Marcel Proust

Kolumne

RSS-Feed

Proust lesen

Der Morgen; © rbbKultur
rbbKultur

Lesekreis - Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Proust hören

RSS-Feed