Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 53 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
rbbKultur
Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Marcel Proust | Kolumne - Die Gefangene (40 - 44)

Proust lesen ist wohl so ziemlich das Gegenteil von Fernsehen. Und trotzdem fragt sich Doris Anselm in ihrer Mitlese-Kolumne "Lust und Frust mit Proust" diese Woche, ob wir uns eigentlich in einem Roman befinden – oder vielleicht beim Teleshopping.

Dieses Lockenmassiv ist amazing!

Der möglicherweise erste englischsprachige Satz, den ich als Kind gehört habe, lautete: "Wow, John, that’s amazing!" Dieser John, der irgendwas Tolles hatte und machte, trat im Teleshopping auf und hieß manchmal auch anders. Der begeisterte Schrei seiner wechselnden Assistentinnen blieb ziemlich derselbe. Manchmal stellten sie auch naive Zwischenfragen. Ich wartete vor dem Fernseher, bis endlich wieder ein Trickfilm kam – in diesem seltsam zusammengestückelten Programm eines der frühen Privatsender des Deutschen Fernsehens.

Das ist lange her. Niemals hätte ich gedacht, dass mich das Teleshopping-Gefühl von damals ausgerechnet in einem hochliterarischen, altehrwürdigen Roman wieder einholen würde.

Aber da ist es: Der Erzähler bei Proust verkauft uns gemeinsam mit seiner Assistentin – ich meine Freundin – Albertine die größten Kunstwerke der Weltgeschichte, und zwar als praktische Kompakt-Ausgabe. Denn ein großer Künstler würde im Prinzip immer nur ein einziges Werk schaffen, in immer wieder neuen Formen, erklärt der Erzähler.

Die naive Zwischenfrage lässt nicht lange auf sich warten, Zitat: "'Auch in der Literatur?‘, wollte Albertine wissen. 'Auch in der Literatur.'"

Na dann. Und weil John – ich meine Proust – so toll erklärt, ruft Albertine, im Grunde mehr an uns Fernsehzuschauer – ich meine Lesende – gewendet: "Du betrachtest […] die Literatur aus einem viel interessanteren Gesichtspunkt, als man sie uns gelehrt hat."

Wow, John, that’s amazing. Und wenn Sie jetzt sofort anrufen, bekommen Sie noch diese Dostojewski-Gesamtausgabe kostenlos obendrauf.

Ja, eigentlich müsste jetzt das Universum implodieren: Der als echt schwer zu lesen geltende Proust referiert hier seitenweise über den vielleicht noch schwerer zu lesenden Dostojewski. Ein Glück, dass er doch immer wieder bei recht simplen Schlussfolgerungen landet, zum Beispiel: "Die neue, komplexe Schönheit eines Frauenantlitzes […], das ist das Einzigartige, was Dostojewski der Welt gebracht hat.“

Ob Dostojewski das so gern gehört hätte? Es ist aber nett gemeint, das merkt man daran, dass Proust wenig später selbst versucht, der Welt die komplexe Schönheit eines Frauen-Haarschopfes zu bringen.

Klappt so mittelgut. Auf mich wirken Albertines Haare eher sperrig, wie sie sich da laut Proust "immer wieder zu anderen Gebilden zusammenfügten, […], bald zu einem prachtvollen, an der Spitze scharf zulaufenden, am Grunde breiten, schwarzen, dichtbefiederten, dreieckigen Flügel, bald zu einem Lockenmassiv, das mit seinem reichen, vielfältigen Gewoge eine mächtige, formenreiche Kette mit zahllosen Graten, Wasserscheiden und Schluchten bildete“.

Uff, das ist nicht Dostojewski, das ist nicht mal amazing, John. Vielleicht, weil Schönheit meist erst dann wirklich "komplex" erscheint, wenn nicht nur das beschrieben wird, was auf dem Kopf ist, sondern auch das, was drin ist.

Doris Anselm, rbbKultur

arte tv | Die Welt des Marcel Proust

Kolumne

RSS-Feed

Proust lesen

Der Morgen; © rbbKultur
rbbKultur

Lesekreis - Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Proust hören

RSS-Feed