Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 54 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Marcel Proust | Kolumne - Die Entflohene (1 - 5)

Diese Woche geht es in unserer Proust-Lesung um große Fragen: Was ist der Mensch, was ist Liebe? Bei den Antworten liegt unsere Kolumnistin Doris Anselm ziemlich über Kreuz mit Marcel Proust.

Der kalte, harte Kern

Liebe ist eine Krankheit – behauptet Marcel Proust in diesem Roman immer wieder. Ich hab mit dieser These zwei Probleme. Das erste betrifft uns als Lesende. Wenn Liebe nämliche eine Krankheit ist, dann ist es ebenso öde, 50 Seiten über Liebeskummer zu lesen wie 50 Seiten über Durchfall.

Den Fäkalvergleich hat Proust sich hier selbst zu verdanken. Im ersten Band beschrieb er, wie Außenstehende oft nicht nachvollziehen können, dass man sich in eine Person verliebt, die ihnen ganz unwürdig vorkommt. Solche Verständnislosigkeit, fand Proust, sei so ähnlich, als würde man kritisieren, dass jemand sich dazu herablässt, wegen einer so winzigen Kreatur wie dem "Kommabazillus" an der Cholera zu erkranken.

Schweren Herzdurchfall hat nun also, zu Beginn von Band sechs, unser Erzähler.

Er ist verlassen worden, und wir müssen dabei sein. Ich kann den Namen "Albertine" schon nicht mehr hören - und immerhin sieht der Erzähler ein:

"Diesen Namen, der uns nichts gibt, als was wir schon wissen, stets von neuem auszusprechen, ist ein immer wieder auflebendes Bedürfnis, auf die Dauer aber auch sehr ermüdend für uns."

Jep, seeehr ermüdend. Auch beim Lesen.

Mein anderes Problem mit der These von Liebe als Krankheit geht tiefer. Und zwar bis zum kalten, harten Kern von Prousts Weltsicht und Menschenbild, dem Kern, auf den wir diese Woche beißen. Er lautet:

"Die Bande zwischen einem Wesen und uns existieren nur in unserem Denken. […] [U]ngeachtet der Illusion, der wir gern erliegen würden […], existieren nur wir allein. Der Mensch ist ein Wesen, das nicht aus sich heraus kann, und das die Anderen nur in sich selber kennt und lügt, wenn es das Gegenteil behauptet.“

Autsch, da bricht mir glatt ’ne Krone aus’m Herzen. Aber selbst, wenn Proust Recht hätte, wäre damit das Verbindende von Liebe überhaupt nicht widerlegt. Im Gegenteil. Man könnte doch sagen: Liebe ist, es trotzdem zu versuchen. Liebe ist, einander immer wieder verstehen zu wollen, dranzubleiben, sich diese Mühe für jemanden zu machen, und, das habe ich hier neulich schonmal angedacht, selbst mutig genug zu sein, sich in die Karten gucken zu lassen. So lernt man einander sehr wohl kennen, bestimmt nie komplett, aber die "Bande", die dadurch entstehen, sind alles andere als illusionär. Auch wenn sie natürlich "in unserem Denken existieren" (wo denn bitte sonst?).

Der Erzähler aber macht sich keine Empathie-Arbeit, weder bei Albertine, noch bei dem fremden kleinen Mädchen, dass er in seinem Selbstmitleid einfach mal mitnimmt und betatscht.

Ich kritisiere hier nicht moralisch die Handlungen einer fiktiven Figur – ich kritisiere, dass ein Autor aus einer solchen Figur Weisheiten ableitet und sie uns als allgemeingültig vorlegt.

Kritikwürdig ist das, weil dieser Autor auch heute noch Einfluss als angeblicher Seelenexperte hat. Aber was Proust hier als harten Kern präsentiert, liegt für mich ziemlich weit daneben.

Doris Anselm, rbbKultur

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