Der feine Unterschied | Heide Oestreich E39 © rbb/Gundula Krause
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Der Feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Seit 50 Jahren kein Fräulein mehr

Das "Frollein" will nicht weichen. Am 16. Januar vor 50 Jahren wurde die Anrede für unverheiratete Frauen offiziell abgeschafft. Aber das Fräulein spukt herum, nicht nur in Buchtiteln oder Theaterstücken, sondern gern auch als Zeitschrift oder halbironischer Name süßer Kurzwarenläden. Dabei hat Goethe schon alles gesagt, was zum Thema Fräulein zu sagen ist, meint Heide Oestreich.

Seit 1972 ist das Fräulein abgeschafft. Als aber ein japanischer Germanist 35 Jahre später im Archiv der Süddeutschen Zeitung nachzählte, fand er 2006 noch genauso viele Fräuleins vor wie in den Siebzigern. Klar, es gab ne Menge historische Zitate, Buch- und Dramentitel – aber eben auch die Lust an ironischen Idealisierungen, gern von jungen Gründerinnen von Kleinunternehmen für Retro-Kurzwaren verwendet. Können se machen, aber meins isses nich. Ich muss dann zwanghaft an kichernde Mädchen denken, die Prosecco trinken - und davon wird mir immer schlecht.

Goethe muss es so ähnlich gegangen sein, denn sein Faust ist eine einzige Warnung vor dieser Anrede: Das schöne Fräulein Grete wird auf der Straße angebaggert, dann geschwängert und schließlich sitzen gelassen. Kernaussage des Werks: Watch out, wenn jemand mit "schönes Fräulein, darf ichs wagen" um die Ecke kommt!

Leider hat keine auf ihn gehört und deshalb markierte das Fräulein fortan weiter die Beute, die noch zu kriegen ist – während die "Frau" schon einem anderen Mann gehört. Das zumindest hatten auch amerikanische GIs nach dem Zweiten Weltkrieg schnell begriffen, denn an Fräuleins war damals bekanntermaßen kein Mangel.

Ich will aber nicht verschweigen, dass im Fräuleindasein auch eine gewisse Ambivalenz liegt: Schließlich muss ein Fräulein sich ja nicht zur Beute machen lassen, wenn auch um einen hohen gesellschaftlichen Preis. Die vielen Fräuleins der jüngeren Geschichte - vom Fräulein Rottenmeier bis zum Fräulein vom Amt - sind in unseren Hirnen so präsent geblieben, weil sie als berufstätige Frauen in der Öffentlichkeit sichtbar waren. Sie waren unabhängig, verdienten ihr eigenes Geld und führten so zu verschiedenen Fräuleinwundern in unserer jüngeren Geschichte.

Es erforderte allerdings eine Menge Willenskraft und Stärke, gegen die gesellschaftliche Erwartung zu leben, dass man alsbald geheiratet und damit erst zur "richtigen" Frau werden müsse – in der BRD hieß das aber wieder lange Zeit: sie wurde Hausfrau - mit beschränkter Entfaltungsmöglichkeit. Bibliotheken von Literatur von Frauen beschäftigen sich mit diesem Rollendilemma.

Zum Glück gab es aber ja auch noch die Frauenbewegung, die das Übel an der Wurzel packte. Seit 1896 ist der Protest der Frauen gegen ihre Verkleinerung dokumentiert. Damals antwortete der preußische Innenminister, dass die Anrede "Frau" einem halt nur durch königliche Gunst verliehen werden könne. Nur 100 Jahre später hatte die zweite deutsche Frauenbewegung es geschafft. Und natürlich hatte es wieder extralang gedauert, bis wir den Frolleins Adieu sagten. Die Österreicher hatten das schon 1928 erledigt.

Aber was soll man machen, wenn heute 30-Jährige finden, dass "Fräulein" der beste Titel für ihre Mode- und Lifestyle-Zeitschrift ist? Zu ihren Gunsten will ich noch annehmen, dass sie dies zu Ehren der Abenteurerinnen des letzten Jahrhunderts tun, der trotzigen und stolzen Fräuleins - Retro ist halt in.

Ich finde aber immer noch: Wäre Grete bei ihrer ersten Reaktion geblieben, wäre das die passende Antwort auf alle Anreden als Fräulein: Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleit‘ nach Hause gehen. Leider war das damals nur reine Koketterie von diesem dummen Huhn, das Goethe dann auch ganz zu Recht sterben lässt.

Heide Oestreich, rbbKultur