Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 55 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Marcel Proust | Kolumne - Die Entflohene (6 - 10)

Unsere Kolumnistin Doris Anselm spürt jede Woche Prousts Lieblingsthemen nach. Diesmal: Die Erinnerung, das Erinnerte – und was unser Kopf nachträglich so alles macht mit den angeblich erlebten Fakten.

Fälschen, färben oder vergessen?

Nach dreieinhalbtausend Seiten Proust und einem guten Jahr Über-Proust-Nachdenken würde ich behaupten: Erinnerung ist sowas ähnliches wie Kunst. Sagen wir Literatur. Wirklich fertiggestellt wird sie nicht im Moment ihrer Entstehung, sondern erst, wenn wir sie lesen.

Der Erzähler, der seine Freundin verloren hat, wundert sich darüber, welche Dinge an der gemeinsamen Zeit ihm jetzt bedeutungsvoll erscheinen. Am teuersten sind ihm die Erlebnisse, die er vormals langweilig fand. Zitat:

"[…] ebenso wie man sich gewisser Sommertage erinnert, die man zu heiß gefunden hat, als man sie erlebte, und aus denen man erst nachträglich die unvermischte Essenz aus echtem Gold und unvergänglichem Azur zieht."

Ist doch spannend, dass Proust hier von "echtem" Gold spricht, und auch nicht davon, dass es nachträglich hinzugesetzt würde, sondern herausgezogen. Das heißt, er sieht diesen Vorgang nicht als Verfälschen, sondern als Vollenden der Erinnerung.

An anderer Stelle spricht er darüber, wie schmerzhaft es ist, wenn einen die Gedanken an einen verlorenen Menschen ständig in neuen kleinen Situationen überfallen. Für ihn liegt das am Facettenreichtum des Menschen. Der Erzähler hat keine Chance, seine Albertine gezielt zu vergessen, denn er stellt fest:

"Was ich derart in mir hätte vernichten müssen, war nicht eine einzige, waren vielmehr unzählige Albertinen. Jede war mit einem Moment verknüpft […]." Zitatende.

Und so wie sie "unzählig" ist, ist er selbst es auch: Vor kurzem war ja die Rede davon, dass der Erzähler erstmal sämtliche seiner "Ichs" über die Trennung informieren muss, sich die schmerzhafte Nachricht also praktisch wieder und wieder zu überbringen hat. Ja, auch dem "Ich", dass nur einmal pro Woche existiert, immer, wenn er zum Friseur geht.

Prousts Kerngedanke zum Thema Erinnerung, den er im Roman regelmäßig leicht variiert äußert, hat aber weniger mit Inhalt zu tun als mit Zugang. Dieser Autor denkt für sein Leben gern darüber nach, warum unsere Erinnerungen uns nicht beliebig verfügbar sind, sondern oft nur unwillkürlich ausgelöst werden können – zum Beispiel durch den Geschmack des berühmten Madeleine-Gebäcks am Anfang des Romans.

Ironischerweise bildet der Roman selbst wieder die Gegenthese dazu, jedenfalls, wenn man ihn wirklich als gelungenes, minutiöses Erinnerungsprotokoll begreift. Trotzdem finde ich es schön, welches Bild Proust im aktuellen Abschnitt für das Thema findet. Er schreibt:

"Denn wenn unsere Erinnerungen uns auch durchaus gehören, so doch in der Art von Besitzungen mit verborgenen Pforten, welche wir selbst nicht kennen, die aber jemand aus der Nachbarschaft uns auftut […]"

Hm. Jetzt müsste man nur noch wissen, welche Art "Nachbarn" man sich zulegen sollte, um häufiger mal im Gärtchen der Erinnerung wandeln zu können.

Doris Anselm, rbbKultur

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