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Hass vor allem in den sozialen Medien - "Eltern haben Drohmails an Lehrkräfte oder Schulleitungen geschickt"

Distanzunterricht, Maskenpflicht, Teststrategien – wenn für Schulen neue Corona-Maßnahmen beschlossen werden, wird darüber besonders emotional diskutiert. Das belastet besonders die Lehrer:innen, die die Maßnahmen durchsetzen müssen. Udo Beckmann, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft "Verband Bildung und Erziehung", berichtet auf rbbKultur, wie Lehrer:innen attackiert werden.

rbbKultur: Herr Beckmann, welche Corona-Themen belasten die Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen besonders? Das Durchsetzen der Tests, der Distanzunterricht, die sich ständig ändernden Regeln oder auch die Aggressivität von Eltern?

Beckmann: Es kommt alles zusammen. Die großen Herausforderungen für die Lehrkräfte der letzten zwei Jahre haben Sie eingangs bereits beschrieben. Schule ist ja immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft – daher schwappt auch das in die Schule hinein, was wir draußen an Auseinandersetzungen um die Corona-Regeln haben. Und das beschäftigt Lehrkräfte und Schulleitungen natürlich zusätzlich. Dass sie sich mit verschiedenen Ansichten auseinandersetzen müssen, wenn sie das durchsetzen wollen, was der Staat ihnen aufträgt.

rbbKultur: Eine befreundete Lehrerin erzählte mir, wie nervig es ist: Mal gibt es nicht genügend Tests, dann kommen manche Kinder ohne Maske zur Schule etc. Welche Probleme sind es denn vor allem, wenn die Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen diese Maßnahmen durchsetzen müssen? Bekommen sie auch Kritik von den Eltern zu spüren?

Beckmann: Ja, natürlich. Eltern haben bestimmte Erwartungen an die Schulen. Sie hören in den Medien, was die Schulen alles umsetzen sollen, was gemacht werden muss. Wenn sie ihr Kind am nächsten Morgen zur Schule bringen, haben sie natürlich die Erwartung, dass das dann alles bereits geregelt ist.

Die Schulen stehen allerdings vor der großen Herausforderung, dass die Politik oft am Freitagabend irgendetwas Neues verordnet und von den Schulen erwartet, dass sie das bis Montagmorgen umgesetzt haben - was natürlich gar nicht funktionieren kann. Und dies führt halt dazu, dass es zu zunehmenden Konflikten zwischen Eltern, Lehrkräften und Schulleitungen kommt, weil auf der einen Seite die Erwartungen hoch sind, aber das System auf der anderen Seite, was die Lehrkräfte und die Schulleitung vertritt, das gar nicht umsetzen kann.

rbbKultur: Können Sie uns ein Beispiel geben, wenn Sie von Konflikten zwischen Eltern und Lehrern sprechen? Wie muss man sich das vorstellen?

Beckmann: Da gibt es eine ganze Bandbreite. In den Zeiten der Schulschließungen hat es natürlich weniger körperliche Angriffe gegeben, die es sonst auch gibt. Aber vor allen Dingen hat sich dies in den sozialen Medien abgespielt. Eltern haben dann über Lehrkräfte in WhatsApp-Gruppen hergezogen, Drohmails an Lehrkräfte oder Schulleitungen geschickt. Alles, was die sozialen Medien hergeben, wird dann genutzt.

Was mich aber besonders betroffen gemacht hat, ist nicht nur, dass es solche Konflikte, die ja schon schlimm genug sind, gibt - aber dass auch bestimmte Gruppierungen wie Querdenker oder Corona-Leugner sich vor Schulen aufgebaut haben und Druck auf Eltern und Schülerinnen und Schüler ausgeübt haben, die die Corona-Verordnungenen eben befolgen.

rbbKultur: Wie kann denn da eine Unterstützung stattfinden für die Einrichtung, für die Lehrerinnen und Lehrer, aber auch für die Schulen insgesamt?

Beckmann: Wir haben bei unserer repräsentativen Umfrage festgestellt, dass uns die Lehrkräfte zurückspiegeln, dass sie die beste Unterstützung durch ihr Kollegium, durch ihr Team, durch ihre Schulleitung erhalten, weniger durch die Schulaufsicht. Am wenigsten unterstützt fühlen sie sich durch die Politik. Daher ist es eigentlich wichtig, dass die Politik sich vor die Lehrkräfte stellt, denn sie setzen ja nur das um, was die Politik auch verordnet und für richtig hält.

Wir erwarten also, dass man den Kolleginnen und Kollegen in den Schulen Ansprechpartner zur Verfügung stellt, dass es möglich ist, solche Vorfälle einfach und unbürokratisch zu melden. Und dass sie dann aber auch die Unterstützung haben – dass sich die Politik sich vor sie stellt und sich nicht hinter ihnen versteckt.

rbbKultur: Was wäre das für eine Unterstützung, was ist Ihre konkrete Forderung? Man will ja auch keine Polizei vor den Schulen haben …

Beckmann: Wenn bestimmte Gruppierungen aufmarschieren und zum Beispiel Schülerinnen und Schüler beim Betreten des Gebäudes behindern, dann wird man auch um einen Polizeieinsatz nicht umhinkommen. Ansonsten geht es einfach darum, dass die betroffenen Lehrkräfte von der Politik, das heißt von der Behörde, Unterstützung bekommen - in juristischer und auch in psychologischer Hinsicht.

rbbKultur: Gibt es denn schon erste Anzeichen, dass es diese Unterstützung geben könnte?

Beckmann: Ja, die Länder bewegen sich inzwischen, weil sie natürlich merken, wie groß der Druck zum Teil auf einzelne Schulen ist - je nachdem, in welcher Region sie sich befinden. Und wir sehen ja auch abends in den Fernsehbildern, zum Beispiel bei den Aufmärschen, was sich alles im Umfeld von Corona tut. Das macht die Politik zum Glück langsam wach.

Das Gespräch führte Susanne Papawassiliu, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.