Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 58 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Marcel Proust | Kolumne - "Wie wir schon erwähnt zu haben glauben"

Unsere mitlesende Proust-Kolumnistin Doris Anselm fragt sich im Dickicht des Romans gerade verwirrt: Wer ist tot, wer ist lebendig, und ist der Krieg, der sich da anbahnt, in Wirklichkeit schon längst vorbei? Da ist es immerhin tröstlich, dass auch Marcel Proust als Autor in diesem Abschnitt einen verwirrten Eindruck auf sie macht.

Ich versteh das ja: Ein so langer Roman mit so vielen Figuren, Schauplätzen und Handlungssträngen erfordert beim Schreiben im Prinzip ’ne eigene Behörde. So richtig mit Personenstandsregister und Grundbuchamt. Heutzutage gibt es Roman-Verwaltungs-Software; Proust machte noch in Zettelwirtschaft. Seine an Manuskriptseiten seitlich drangeklebten Ausklapp-Seiten sind legendär. Deshalb finde ich es echt nicht schlimm, wenn er mal nicht mehr genau weiß, ob und wie und wo er denn nun die Besitzungen des Fürsten Foggi im Roman untergebracht hat.

Aber wie er damit umgeht, dass er das nicht mehr weiß, ist schon lustig. Es passiert in einem typischen Proust-Satz-Gestrüpp, dessen Inhalt komplett damit beschäftigt scheint, sich selbst halbwegs organisiert zu kriegen. Okay, hier müssen wir stets die Mitverantwortung der Übersetzerin bedenken. Jedenfalls lautet der Satz: "Tatsache ist, dass Fürst Foggi, der noch vierzehn Tage in Venedig bleiben wollte, am gleichen Tage nach Rom zurückkehrte und ganz kurz darauf vom König wegen einer Sache, die Besitzungen betraf, welche dem Fürsten, wie wir schon erwähnt zu haben glauben, in Sizilien gehörten, in Audienz empfangen wurde." Ach, du liebes Bisschen.

Aber freuen wir uns doch einfach an der Floskel "… wie wir schon erwähnt zu haben glauben …"! Ich frag mich, warum die da steht. Macht doch einen total schlechten Eindruck. Sagt nämlich deutlich an, dass Proust gerade mal keinen Bock gehabt hat, nachzugucken, was er so reingeschrieben hatte in sein Buch. Und dabei wäre das doch sonst niemandem aufgefallen, ob er die Foggi-Immobilien schon erwähnt hat oder nicht.

Na gut, ich gestehe: Ich bin hier nur deshalb so schnippisch, um von meinen eigenen Verwirrtheiten abzulenken. Und von denen der Redaktion. Diese Woche haben wir nämlich festgestellt, dass ich nicht mehr richtig ticke. Also: nicht synchron bin. Der Inhalt meiner Kolumne eilt den gesendeten Proust-Hörbuchfolgen mehrere Tage voraus. Das soll nicht sein, hat aber offenbar niemand gemerkt. Wie sich herausstellt, ist an Weihnachten und Silvester jeweils eine Hörbuchfolge ausgefallen. Also: wurde verschoben. Aber vielleicht hätte einen Komplettausfall auch keiner bemerkt.

Proust ist ja teils recht sprunghaft in seinen Handlungsbögen (wie wir schon erwähnt zu haben glauben…). Das neueste Ding: Albertine ist gar nicht tot! Das erfahren wir und der Erzähler fix aus einem Telegramm. Ich glaub jetzt lieber gar nichts mehr. Ich hab genug damit zu tun, aufzudröseln, ob die diplomatische Krise, von der grad viel die Rede ist, rückblickend den deutsch-französischen Krieg von 1870 meint oder den sich schon anbahnenden Ersten Weltkrieg. Uff. Bei Proust trifft eben auf den Autor und die Leserschaft dieselbe alte Weisheit zu: Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

Doris Anselm, rbbKultur

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