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Kommentar - Was bringt der kulturelle Boykott russischer Künstler*innen?

Ein Kommentar von Arno Orzessek

Als Bundeskanzler Scholz gesagt hat: "Dieser Krieg ist Putins Krieg", gab es viel Beifall. Denn in der Tat steht außer Frage, wer der Hauptverantwortliche für das Blutvergießen in der Ukraine ist. Das heißt aber nicht, dass Sanktionen gegen Russland, russische Institutionen und russische Staatsbürger falsch wären, nur weil der Zyniker Putin selbst auf diese Sanktionen pfeift.

Doch wer immer sanktioniert, boykottiert, entlässt oder auslädt, sollte sich einige Fragen stellen: Welche Wirkung haben die Maßnahmen? Welches Zeichen sollen sie setzen? Ist es gerechtfertigt, Menschen, die Putin womöglich verabscheuen, unter diesen Maßnahmen leiden zu lassen?

In Teilen des Kulturbetriebs, der von Differenzierung eigentlich viel verstehen sollte, scheint das Interesse an genauer Prüfung auf den ersten Blick gering zu sein. Die Europäische Filmakademie boykottiert russische Filme; das Filmfestival in Cannes lud die russische Delegation aus; Polen hat das Kulturprogramm "Jahr Polens" in Russland abgesagt; die Kunstsammlungen Dresden unterbrechen die Kooperation mit staatlichen russischen Stellen, auch die Frankfurter Buchmesse und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wollen mit russischen Institutionen erst mal nichts mehr zu tun haben - und so weiter.

Tatsächlich haben diese Fälle eines gemeinsam: Es handelt sich um namhafte Institutionen, deren fortgesetzte Kooperation mit staatlich-russischen Einrichtungen als Gleichgültigkeit gegenüber Putins Krieg ausgelegt werden könnte. Insofern steht ihnen Vorsicht gut.

Genauso schwer wiegt allerdings das Gegenargument:

Wenn der zivilgesellschaftliche Kontakt mittels Kultur zwischen dem Westen und Russland abbricht, dann lässt man vor allem die im Regen stehen, die keine willenlosen Opfer von Putins nationalistischer Propaganda, sondern an westlicher Kultur und Kulturaustausch interessiert sind. Und wer, wenn nicht solche Leute, kann in Russlands Gesellschaft noch für Aufklärung sorgen?

Soll heißen: Wer für Boykott plädiert, hat die symbolpolitische Wirkung im Auge – um den Preis, unschuldige Kulturschaffende um Jobs und Auftritte zu bringen. Wer Kontakt hält, glaubt an den Segen von Austausch und gemeinsamer Kulturarbeit – um den Preis, als Duckmäuser verdächtig zu werden.

Beide Positionen sind legitim, jedoch unvereinbar – Entscheidungen also gefragt. Nur sollte sich die Kultur, bitteschön, keinen schwach reflektierten Prestige-Kampf um die krassesten antirussischen Boykott-Maßnahmen liefern wie weite Teile des Sports. Bezeichnend, dass die russischen und belarusischen Sportler und Sportlerinnen vorgestern noch zu den Paralympics durften, seit gestern aber nicht mehr.

Und auch von Bekenntnis-Druck ist abzuraten. Dass die Stadt München den Star-Dirigenten Valery Gergiev zur Distanzierung von Putin nötigen wollte, war jedenfalls keine Ruhmestat. Denn dass Gergiev ein Spezi Putins ist, wusste man längst – hat ihn aber trotzdem gern an die Isar geholt. Mit Gergievs quasi erpresster Entlassung haben die Verantwortlichen vor allem ihren eigenen Opportunismus hinter einem durchsichtigen Feigenblatt versteckt. Womit Gergiev übrigens nicht entschuldigt ist.

Vor dem Krieg wurde viel um die sogenannte Cancel Culture gestritten, deren stärkste Waffe die rufschädigende Bezichtigung ist. Es stünde dem Kulturbetrieb nun gut an, in der Hitze des Gefechts die Nerven zu bewahren, stets den Einzelfall zu prüfen und in jedem Russen, jeder Russin nicht zugleich Putin zu sehen.

Arno Orzessek, rbbKultur

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